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Die Moskauer Prozesse
Die Moskauer Prozesse
© Real Fiction

Kritik: Die Moskauer Prozesse (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Schweizer Film- und Theaterregisseur Milo Rau nahm diese Vorfälle zum Anlass für ein außergewöhnliches Theaterprojekt. "Die Moskauer Prozesse" ist abgefilmtes, dokumentarisches Theater, durch das Rau aufzeigen will, wie lächerlich und menschenverachtend diese sogenannten "Gerichtsverhandlungen" in Moskau eigentlich sind. Rau ließ einen detailgetreuen Gerichtssaal im Moskauer Zentrum nachbauen und die echten Beschuldigten und Beklagten der damaligen Prozesse, sofern sich diese auf freiem Fuße befanden, ihre eigenen Verhandlungen nachempfinden und -spielen. Der Filmemacher stellte den gesamten Prozess nach – nur diesmal mit professionellen Anwälten, realen Zeugen und Experten jeglicher politischer Färbung, orthodoxen Geistlichen und liberalen Politikern.

"Die Moskauer Prozesse" ist inszeniert im Stile eines intensiven Gerichts-Dramas und erinnert dabei immer wieder an Filme wie "Eine Frage der Ehre", mit dem entscheidenden Unterschied, dass die hier dargestellten Fälle real verhandelt wurden. Mit seinem Film gelingt es Rau, ein bedrückendes Bild vom Zustand des heutigen Russland zu zeichnen. Darüber hinaus wirft der Film wichtige Fragen nach dem Wert von Meinungsfreiheit und Menschenrechten auf. Das Ergebnis ist ein eminent wichtiger und provokanter Film. Für Rau blieb sein Werk im Übrigen nicht ohne Folgen: Nicht nur, dass die Dreharbeiten für den dreitägigen Prozess immer wieder von den russischen Behörden unterbrochen wurden. Der Film selbst wurde darüber hinaus zum Skandal und Regisseur Rau erhielt schließlich ein Einreiseverbot in Russland.

Rau, der seit langer Zeit für sein politisches Engagement als Regisseur bekannt ist (u.a. durch die Doku "Hate Radio", die sich mit dem Völkermord in Ruanda befasste), gelingt ein gewagter, informativer und lehrreicher Film über die korrupte Putin-Regierung und ihre menschenverachtende Art und Weise der juristischen Aufarbeitung und Aburteilung sog. "Problemfälle". Im Zentrum stehen dabei klar die Gerichtsverhandlungen rund um die Aktivistinnen der Performance-Gruppe Pussy Riot, was ein geschickter Schachzug ist, sind einem die Bilder aus dem Gerichtssaal doch noch bestens geläufig. Damals, im Sommer 2013 wurden drei der Aktivistinnen, wegen Gotteslästerung und Agitation zu zwei Jahren Haft verurteilt. Am Ende seines Films lässt Rau ein nach dem Zufallsprinzip ausgewähltes Schöffengericht das Urteil fällen und die Frage beantworten: Wer ist hier eigentlich der Schuldige? Der Künstler, der die Gefühle der Gläubigen angeblich verletzt und dadurch selbst zum Angreifer auf die Regierung und Obrigkeit wird. Oder eben jener Staat, der im Namen der Kirche die Freiheit seiner Künstler beschneidet einschränkt?

Fazit: Provokantes, aufwühlendes und anspruchsvolles Reality-Gerichts-Drama, das Fragen nach der Freiheit und den Menschenrechte im heutigen Russland aufwirft.




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