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Kritik: 37 (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Dieser Film ist äußerst ungewöhnlich, er wirkt amateurhaft und dann doch wieder sorgfältig durchkomponiert. Aus lauter Impressionen bestehend, die mit einer unsteten Kamera in oft unscharfen Aufnahmen eingefangen wurden, schildert "37" das innere Drama eines jungen Mannes, der schon früh erfahren muss, wie nahe Leben und Tod, Glück und Verlust zusammenliegen.

Ursprünglich war das Projekt ein Kurzfilm, aber Regisseur Chris Brügge entwickelte die No-Budget-Produktion weiter zu seinem ersten Langfilm. Die Dreharbeiten zogen sich in einzelnen Etappen über ein Jahr hin und die Postproduktion dauerte zwei Jahre. Es gibt sogar Stunts, visuelle Effekte und eine tolle Filmmusik. "37" wurde auf zahlreichen Filmfestivals aufgeführt und bekam mehrere Preise, wie zum Beispiel eine Auszeichnung als Bester Film bei den Los Angeles Independent Film Festival Awards. Die Deutsche Film- und Medienbewertung FBW verlieh dem Drama das Prädikat "besonders wertvoll".

Die männliche Voice-Over-Stimme fragt nach dem Kräfteverhältnis von Leben, Liebe, Tod, wünscht sich, die Zeit zurückdrehen zu können. Marc nimmt eine Anhalterin mit. Die Kamera betrachtet vom Rücksitz aus die beiden jungen Leute, ihre Gesichter im Spiegel, von der Seite, wie sie mit dem Licht und dem Fahrtwind kommunizieren. Es wird noch viele Aufnahmen in diesem Campingbus geben, mit Marc allein oder mit Beifahrern. Marc erinnert sich an Momente des Glücks in seinem Leben, aber auch an Auseinandersetzungen, an die Farben der nächtlichen Stadt oder der Wolken im Abendlicht. Die Erinnerungen sind nichtlinear, sie wirken wie ein Bewusstseinsstrom, der aus gespeicherten Eindrücken, gelebten und doch unwiederbringlichen Momenten besteht. Marc sehnt sich nach emotionaler Sicherheit und Konstanz, der Vater ist ihm zu unzuverlässig. Andererseits zieht es Marc auch immer wieder spontan hinaus ans Meer, zum Kitesurfen, das ihm das Gefühl von Freiheit schenkt.

Bipolar wirkt auch die Gestaltung, die viel wichtiger ist als die Geschichte selbst. Die ständigen Unschärfen, die häufigen Schnitte, die Überbelichtungen und stockenden Bewegungen machen einen laienhaften Eindruck und erschweren die Orientierung. Die Naturimpressionen und die ungewöhnlichen Bildausschnitte bei Personenaufnahmen schaffen aber eine sinnliche Atmosphäre. Im Zusammenspiel mit der Musik entsteht ein intensives Erlebnis, das künstlerisch-experimentellen Charakter hat. Es wirkt wie ein mutiges Plädoyer für neue erzählerische Wege.

Fazit: Der erste Langfilm von Chris Brügge besitzt als impressionistisches Drama experimentellen Charakter. Ein sinnlicher Rausch aus Licht und Farben, Momentaufnahmen, Unschärfen formt sich zu einem Bewusstseinsstrom, mit dem der junge Mann im Zentrum der Geschichte seine Gefühle zu ordnen versucht. Kann man das Leben lieben, wenn sich das Glück nicht festhalten lässt? Mit Bildern, die wie Schnappschüsse wirken, probt der Film eine spannende Balance zwischen naiver und künstlerisch elaborierter Ausdruckskraft.




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