VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Anderson (2014)


Mit ihrem Dokumentarfilm "Vaterlandsverräter" über den renommierten Berliner Schriftsteller und Dramaturgen Paul Gratzik, der fast 20 Jahre lang im Verborgenen für die Stasi spitzelte, erfreute die Regisseurin Annekatrin Hendel vor drei Jahren Kritik und Publikum. Einem identischen Thema widmet sie sich nun ihrer neuesten Doku "Anderson". Darin beschreibt sie das Leben des Ost-Berliner Schriftstellers Sascha Anderson, der ein führendes Mitglied der oppositionellen Literatur- und Alternativ-Szene in Prenzlauer Berg und - ebenso wie Gratzik - für viele Jahre Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit war. "Anderson" präsentiert sich als handwerklich saubere Doku mit aufschlussreichem Foto- und Videomaterial, das spannenden Aspekten wie der Frage nach Reue und der Motivation nachgeht.

Regisseurin Hendel nutzt die vielfältigen Möglichkeiten der dokumentarischen Annäherung, um ein umfassendes Bild von der vielschichtigen Persönlichkeit Sascha Anderson zu entwerfen. Seltene Archivaufnahmen und Fotos aus den 70er- und 80er-Jahren liefern spannende Einblicke in die Hochzeit der Künstler-Szene in Prenzlauer Berg. Darüber hinaus geben intensive Gespräche mit ehemaligen Kollegen und "Opfern" Andersons, etwa mit Ekkehard Maaß oder dem Stasiunterlagenbehörden-Leiter Roland Jahn, Antworten auf entscheidende Fragen. Diese sind z.B., welche Bedeutung Anderson innerhalb der Szene hatte und welche Rolle er dort spielte oder ob er durch möglichweise merkwürdiges Verhalten auffiel.

Natürlich kommt auch der Betroffene selbst zu Wort. Für die Gespräche mit Anderson ließ Regisseurin Hendel die ehemalige Küche von Ekkehard Maaß in einer Art Studio nachbilden, inklusive originalgetreuer Einrichtung. Anderson erteilt also innerhalb jener Kulisse freudig und eloquent Auskunft, in der die Künstler und Schriftsteller der damaligen Zeit intellektuelle Gespräche führten, sich über das System echauffierten oder sich über die neuesten fragwürdigen Stasi-Methoden austauschten - und mittendrin saß Anderson, der geheime Spitzel. Von echter Reue kann bei Anderson im Übrigen bis heute kaum die Rede sein, daraus macht er auch im Gespräch mit Hendel keinen Hehl.

Fazit: Handwerklich überzeugende Doku über den Literaten und Stasi-Spitzel Sascha Anderson, mit spannenden Einblicken in die Ost-Berliner Künstler-Szene der 70er- und 80er-Jahre und intensiven Interviews mit Zeitzeugen garniert.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.