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Kritik: Traumland (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Zürich ist eine kalte Stadt – und damit ist nicht nur der Schnee gemeint, der am Heiligabend vom Himmel fällt. Die Figuren in Petra Volpes Film "Traumland" sind allesamt unterkühlt, fast erstarrt in ihrem Leben. Der Film beginnt im Rotlichtviertel. Die Sozialarbeiterin Judith (Bettina Stucky) schließt gerade die Oase, einen Wohncontainer, in dem die Prostituierten Suppe, Tee, Gleitmittel und Hilfe bekommen. Die Bulgarin Mia (Luna Mijović) trinkt dort noch kurz einen Tee, dann öffnet sie das letzte Türchen am Adventskalender – damit wird auch deutlich, dass der Film am 24.12. spielt. An diesem Tag werden alle Figuren mit den Lebenslügen konfrontiert, in denen sie sich so gut eingerichtet haben. Hier entdeckt die schwangere Lena (Ursina Lardi), dass ihr Mann ( Devid Striesow) zu Prostituierten geht, lädt die verwitwete Spanierin Maria (Marisa Parades) endlich Juan an, den sie aus der Kirche kennt, versucht Rolf (André Jung) den Kontakt zu seiner Tochter wiederherzustellen. Sie alle werden Mia begegnen – und sie mehr oder weniger verraten.

Nach eigenem Drehbuch entwickelt Petra Volpe in ihrem Kinodebüt diese Geschichten, die nebeneinander her laufen und sich lediglich in Mia begegnen. Dabei wechselt sie Schauplätze und Perspektiven, behält aber meist den Überblick – wenngleich nicht alle Handlungsstränge gleich stark sind – und entwickelt insgesamt ein beeindruckendes Panorama des modernen Stadtlebens mit seinen Lügen, Vorurteilen und selbst errichteten Geheimnissen.

Konsequent inszeniert Petra Volpe in "Traumland" vor allem die Einsamkeit ihrer Figuren, die Fremdkörper in ihren Leben bleiben. Die Lichter der nächtlichen Stadt lösen sich in Unschärfen auf, dagegen erscheinen bei Tag die Wohnungen und Straßen kalt und scharf gezeichnet. Lenas schicke Wohnung – mit dem befremdlichen Bild eines verzweifelten Kindes an der Wand – fasst ihre Verlorenheit ein. Äußerlich führt sie das perfekte Leben mit Mann und Kind, verbringt einen ebenso malerischen Heiligabend mit Großeltern, Baum schmücken und Kekse backen. Doch sie ist einsam – sehr deutlich wird es beim Familienessen – und fragt sich, warum ihr Mann zu einer Prostituierten geht. Deshalb sucht sie Mia auf, bezahlt sie dafür, zu erfahren, welche Männer zu kommen und was sie wollen.

Mia hingegen hofft, dass sie am nächsten Tag zu ihrer Mutter und Tochter zurückkehren kann. Sie wohnt im selben Mietshaus wie die einsame Maria, die ihre Einsamkeit und Verbitterung aber gegen die junge Frau richtet. Hier kommt es zu einer Szene, in der die Marias ganze Niedertracht, Bösartigkeit und Egoismus ausbricht, dass es schmerzlich mit anzusehen ist. Von solchen Szenen gibt es einige in diesem Film, der den Zuschauer mit der Selbstgerechtigkeit seiner Figuren konfrontiert. Das Opfer dieser eigensüchtigen Verhaltensweisen ist meist Mia, die verstoßen, verprügelt, vergewaltigt wird und letztlich verzweifelt. Dabei erschüttern die letzten Bilder dieses Films, erschüttert der Egoismus der Menschen, ihre Selbstzufriedenheit. Und deshalb wirkt dieser Film lange nach.

Fazit: "Traumland" ist ein konsequenter, realistischer Film über Einsamkeit und Selbstgerechtigkeit. Sehenswert.





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