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Kritik: Miss Sixty (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Besondere an dieser romantischen Komödie fasst schon der Titel treffend zusammen: Die Frau solcher Filme ist ja immer eine Miss zwischen 20 und maximal 35, die an den Mann gebracht werden soll. Hier aber erlebt eine 60-Jährige ihren zweiten Frühling, der im Grunde ihr erster ist, denn das private Glück blieb ihr bislang verwehrt. Luise, die früher in der feministischen Bewegung aktiv war, hält aber nicht Ausschau nach der großen Liebe, sondern will das Frausein auf andere Weise auskosten: Mit 60 ein Kind zu bekommen ist ja zumindest medizintechnisch kein Problem mehr. Luise ist bereit, es der ganzen Gesellschaft zu zeigen, in der eine so späte Mutterschaft als Tabu gilt. Die spritzige und geistreiche Komödie der Debütregisseurin Sigrid Hoerner stellt die gängigen Rollenbilder gründlich in Frage: Sind die 60-Jährigen wirklich so alt, wie ihre Umgebung meint, und warum werden Männer und Frauen immer noch mit zweierlei Maß gemessen? Schließlich findet niemand etwas dabei, wenn ein Senior seine studentische Gespielin schwängert.

Das Herz der erfrischenden Komödie, deren Drehbuch von Jane Ainscough stammt, ist die attraktive Iris Berben. Sie wirkt auf so natürliche Weise dynamisch, unternehmungslustig und elegant, dass sie ihr Alter nicht verstecken muss, weil es an ihr nicht unvorteilhaft wirkt. Und damit ist sie der Beweis für die Filmthese, dass eine 60-jährige Frau heutzutage nicht mehr in schwarzer Kleidung strickend vor der Tür sitzen muss. Aber wie jung kann Luise, darf sie denn sein? Wenn die gängigen Rollenbilder versagen, fällt die individuelle Orientierung besonders schwer: Luise fragt sogar einen Kellner im Restaurant um Rat. Frans, der schwer in der verspäteten Midlife-Crisis hängt, findet Luise peinlich, und sie ihn erst recht. Das führt zu herrlich respektlosen Dialogen – und dazu, dass sich die beiden emotional näherkommen. Obwohl die Komödie ernste Fragen stellt, tut sie das immer mit ketzerischer, spielerischer Ironie. Selbst die Emanze Luise wird ganz schön gerupft, ohne deswegen gleich das Gesicht zu verlieren. Allerdings werden die provokanten Thesen im Laufe des Films in harmonisches Fahrwasser geleitet. Luise und Frans müssen ihre Visionen abspecken, um wieder mehr Spaß am Leben zu entwickeln. Der versöhnliche Kurs sichert den vergnüglichen Charakter des insgesamt aber sehr originellen Films, der mit komödiantischem Timing und Realitätsbezug punktet.

Fazit: In der romantischen Komödie "Miss Sixty" glänzt Iris Berben in der Rolle einer 60-Jährigen, die ein Kind will und dabei erfrischend respektlos das gesellschaftliche Image von Frauen ihres Alters hinterfragt.




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