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Die Wirklichkeit kommt
Die Wirklichkeit kommt
© Real Fiction

Kritik: Die Wirklichkeit kommt (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Vom Berliner Sendermann zu Edward Snowden: Die Enthüllungen des Whistleblowers Snowden haben zum ersten Mal das tatsächliche Ausmaß der globalen Überwachung durch angloamerikanische Geheimdienste offengelegt. Der Handynutzer kann geortet, jede digitale Spur im Netz zurückverfolgt werden. George Orwell lässt grüßen. Das reale 2014 erscheint wie sein erdachtes 1984. Der deutsche Kameramann und Dokumentarfilmer Niels Bolbrinker widmet sich in seinem Film mit dem etwas kryptischen Titel "Die Wirklichkeit kommt" dieser brisanten und hochaktuellen Thematik. Die Dokumentation wechselt kommentarlos zwischen den sehr skurrilen Schilderungen verschiedener Paranoiker und den Beschreibungen des bereits heute Machbaren durch Wissenschaftler und Militärs hin und her. Zwischen diesen Extremen von Wahn und Wissenschaft befindet sich die Informatikerin und Hackerin Constanze Schulze vom Chaos Computer Club. Sie zeigt Verständnis für diverse irrationale Ängste, da sie deren Wurzel versteht. Zudem weist sie besorgt darauf hin, dass die durch Handys mögliche Personenortung immer präziser wird: "Es macht einen Unterschied, ob man sagen kann, dass sich jemand in einem bestimmten Stadtteil aufhält, oder ob man sogar sagen kann, vor welcher Tür er genau steht."

"Die Wirklichkeit kommt" präsentiert viele hochinteressante Fakten darüber, was heute und was wahrscheinlich bereits in naher Zukunft möglich sein wird und illustriert diese anhand oft bizarrer und besorgniserregender Experimente. US-Militärs erproben tödliche Kanonen, die mit unsichtbaren Mikrowellen arbeiten. In den 60er-Jahren hat der CIA nicht nur mit Gedankenkontrolle durch halluzinogene Drogen experimentiert, sondern auch Tieren zum gleichen Zweck elektronische Chips ins Hirn implantiert. Sadistisch wirkt der Tierversuch mit einem Affen aus dessen offenem Schädel ein Chips herausragt. Geradezu pervers und äußerst beunruhigend erscheint der Versuch mit einem Stier mit implantierten Chip, der per elektrischer Fernsteuerung plötzlich kurz vor dem Torero zum Stehenbleiben gebracht wird. Ein deutscher Forscher zeigt wie er durch die Bewegungsanalyse im öffentlichen Raum Attentäter noch vor dem Zünden einer Bombe zu erkennen versucht. Die Frage nach der Freiheit in solch einem völlig überwachten Raum stellt sich der Wissenschaftler nicht. Für ihn ist dies einfach eine sehr interessante Erweiterung seiner Wahrnehmung, "die einfach Spaß macht". Constanze Schulz meint hingegen: "Wer sich überwacht fühlt, lebt nicht frei, und wenn Freiheitsrechte nicht gelebt werden, so sterben sie ab."

Doch so interessant die zur Sprache gebrachten Themen sind, so uninteressant und oft indifferent werden sie von Niels Bolbrinker präsentiert. Dies fängt bereits bei dem Titel an, der zwar neugierig macht, aber nicht wirklich Sinn ergibt. Es geht weiter damit, dass sich der 1951 geborene Filmemacher hinter der Stimme einer jungen Sprecherin versteckt, wenn er überhaupt einmal wagt seine Gedanken zu dem Gezeigten mitzuteilen. Diese vermeintliche Objektivität zeigt sich auch darin, dass es recht lange dauert, bis überhaupt halbwegs klar ist, wie ernst der Film die Aussagen von Menschen wie dem Sendermann nimmt. Für einen Kameramann zeigt Niels Bolbrinker auch sehr wenig Willen zur bildlichen Gestaltung. Zumeist zeigt er nur sprechende Köpfe oder sprechende Menschen plus Hintergrund. Trotzdem ist der Film sehr interessant, da das Thema interessant ist.

Fazit: Niels Bolbrinkers "Die Wirklichkeit kommt" bleibt oft so schwammig, wie der Filmtitel. Trotzdem ist diese Dokumentation über die zunehmenden Auswüchse einer Kontroll- und Überwachungsindustrie spannend, da das Thema brisant ist.





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