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Pelo Malo - Bad Hair
Pelo Malo - Bad Hair
© FiGa Films

Kritik: Pelo Malo - Bad Hair (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Wenn sich der neunjährige Junior in seinen Sommerferien langweilt, vertreibt er sich mit einem Ratespiel die Zeit. Mit einem Mädchen aus der Nachbarschaft blickt er vom eigenen auf den gegenüberliegenden Wohnblock und macht Dinge und Menschen ausfindig, die ihm die Nachbarin vorgibt. Das riesige Gebäude nimmt dann die ganze Leinwand ein. Überall wuselt es. Hinter den Fenstern und auf den Balkonen verbergen sich Hunderte Geschichten.

Juniors Geschichte ist eine davon. Sie erzählt vom harten Alltag in Venezuelas Hauptstadt, von einer entbehrungsreichen Kindheit und von (falsch verstandener) Mutterliebe. Es ist eine Kindheit, die abseits der Straßen in den geschützten, aber viel zu engen Räumen der Wohnhöllen stattfindet, in denen Mütter ihren Töchtern eintrichtern, lieber zu sterben als vergewaltigt zu werden. Männer sind in dieser Welt größtenteils abwesend, drohen mit ihrer Kraft und Sexualität jedoch aus der Ferne. Junior sehnt sich nach einer Vaterfigur, sucht die Nähe zum jugendlichen Kioskbetreiber Mario. Doch Juniors Mutter versteht das – ebenso wie seinen Wunsch nach glatten Haaren – falsch.

Wenn Junior für das Jahrbuch seiner Schule als Sänger kostümiert und mit geglätteten Haaren posieren will, möchte er damit seiner Mutter in erster Linie eine Freude machen, einen Draht zu ihr finden, seine Träume mit ihr teilen. Doch Marta träumt schon lange nicht mehr. In einer von Machos dominierten Welt hat sie sich längst in Pragmatismus geflüchtet. Juniors Wunsch nach glatten Haaren interpretiert Marta als mögliche Homosexualität, eine Schwäche, die ihn das Leben kosten könnte. Also härtet sie ihren Sohn mit fragwürdigen Erziehungsmethoden ab.

Regisseurin Mariana Rondón folgt Junior und Marta auf ihren gemeinsamen und getrennten Wegen durch Caracas mit präzisem Blick. Übertriebene (Melo-)Dramatik liegen ihr ebenso fern, wie für eine Seite im angespannten Verhältnis zwischen Mutter und Sohn Partei zu ergreifen. Micaela Cajahuaringas sehr bewegliche, aber stets ruhige Kamera ist auch auf engstem Raum dicht am Geschehen. Im Zusammenspiel mit Rondóns Regie entfaltet "Pelo Malo" beinahe einen dokumentarischen Stil, der durchkomponierte Einstellungen für die große Leinwand aber nicht vernachlässigt.

Neben Samantha Castillos beeindruckender Präsenz trägt vor allem Samuel Lange als Junior mit seinem melancholischen Blick dieses leise Drama, das bei aller Schwere ganz leichtfüßig den Rassismus, die Homophobie, Misogynie und Armut einer Gesellschaft mit erzählt.

Fazit: "Pelo Malo" gelingt ein einfühlsamer Blick auf den unteren Rand einer Gesellschaft. Völlig unaufgeregt und mit viel Gespür für ihre Darsteller erzählt Regisseurin Mariana Rondón eine schwierige Beziehung zwischen Mutter und Sohn, die beiläufig die Probleme der venezolanischen Gesellschaft verhandelt.




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