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Der Junge Siyar
Der Junge Siyar
© barnsteiner-film © Dualfilm Verleih

Kritik: Der Junge Siyar (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

"Der Junge Siyar" ist das Regiedebüt des kurdisch-norwegischen Filmemachers Hisham Zaman. Der Film taucht ein in die fremde Kultur und die (für viele Westeuropäer befremdlich wirkenden) Traditionen der nordirakischen Kurden und setzt bei seiner Mischung aus Roadmovie und Flüchtlingsdrama auf unerfahrene Laiendarsteller. Sein Film schildert auf ruhige und bedachte Weise das zerrüttete Innenleben eines jungen Kurden, der alles dafür tun würde, um die Familienehre wieder her zu stellen – bis hin zum Mord an der eigenen Schwester. "Der Junge Siyar" ist ein über weite Strecke gelungenes, hochemotionales Drama, bei dem eine Identifikation mit der Hauptfigur alles in allem deswegen so schwer fällt, da sich für den Zuschauer dessen Motivation und Beweggründe bis zuletzt nicht wirklich erschließen.

"Der Junge Siyar" ist ein ruhiger, langsam erzählter Film ohne viele Dialoge. Obwohl der Film fast ausschließlich mit unerfahrenen Laiendarstellern besetzt ist, die hier zum ersten Mal vor der Kamera standen, gelingt es den leidenschaftlich aufspielenden Jung-Darstellern dennoch, ihre Figuren authentisch und ohne aufgesetzten Gestus zu verkörpern. Hauptdarsteller Abdullah Taher hat eine Gleichgültigkeit und Brutalität in seinem Blick, die nicht erlernt oder antrainiert werden kann. Er wirkt kühl und emotionslos und eignet sich daher perfekt für die Rolle des erzkonservativen Teenagers, für den die Religion und das Widerhestellen der Familienehre alles zu sein scheint. Umso erstaunlicher ist die emotionale Wandlung, die Siyar im Laufe seiner gefährlichen Reise quer durch Europa erfährt bzw. durchläuft. Zwar geht Taher etwas von der anfänglichen Glaubwürdigkeit verloren, vor allem wenn aus ihm immer mehr der nachdenkliche, gefühlvolle Junge wird, der sich allmählich in Evin zu verlieben beginnt. Richtig enttäuschend oder gar unfreiwillig komisch ist seine Leistung jedoch zu keinem Zeitpunkt.

Dass sich in ihm eine solche emotionale Veränderung vollziehen kann, ist seiner Istanbul-Bekanntschaft Evin geschuldet, die von Suzan Ilir mit viel Hingabe und Elan verkörpert wird. Zudem bekommen dem Film die unterschiedlichen Drehorte außerordentlich gut. Dadurch erhält er ein gewisses Maß an Abwechslung und Spannung, ist seine Handlung sonst ja recht spärlich und überschaubar gehalten. Ein großes Problem hat der Film jedoch. Eine Identifikation und ein Mitfühlen mit der Hauptfigur sind bis zum vorhersehbaren Finale im verschneiten Oslo leider kaum möglich. Für die meisten Zuschauer wird Siyar (zumindest weit über die Hälfte der Spieldauer) brutal, rücksichtslos und unnahbar erscheinen, schließlich will er seine eigene Schwester ermorden. Was jedoch genau hinter den Traditionen von Zwangsheirat und Ehrenmord steckt und welchem Druck sich Siyar in der Heimat ausgesetzt sieht, bleibt im Dunkeln und wird nur oberflächlich behandelt. Es scheint, als setze Regisseur Zaman hier zu viel Hintergrundwissen voraus.

Fazit: Stark gespieltes, an unterschiedlichen Schauplätzen verortetes Drama, das eine Identifikation mit der Hauptfigur aufgrund fehlender Infos leider nur schwer möglich macht.




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