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FBW-Bewertung: Hail, Caesar! (2016)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Mit HAIL, CAESAR! liegt der neue Film des Regieduos Joel und Ethan Coen vor, der sich deutlich neben deren frühere Werke über das Studiosystem Hollywoods einreiht. Vor allem sind Ähnlichkeiten zum Noir-Thriller BARTON FINK (1989) auffällig, denn hier wie dort geht es um die Nöte der Angestellten und Leitenden der klassischen Hollywood-Produktionen. HAIL, CAESAR! versammelt eine eindrucksvolle Schauspielerriege: Josh Brolin spielt den überlasteten Studioboss Mannix von Capitol Pictures, George Clooney den männlichen Superstar Whitlock, Ralph Fiennes einen virtuosen Genrehandwerker, Scarlett Johansson eine etwas zickige Diva, Tilda Swinton erscheint als Kritiker-Zwillingsschwestern und ChanningTatum als kommunistischer Tanzstar. Mit ihnen entfaltet der Film ein vielschichtiges Kaleidoskop der kalifornischen Filmproduktion der 1950er Jahre, als das Studiosystem florierte und klassische Genres wie Historienepos, Musical und Western hervorbrachte.

Diesen historischen Hintergrund nehmen die Regisseure zum Anlass, in originellen und liebevoll inszenierten Episoden ein vielschichtiges Bild von einer vergangenenÄra des Kinos zu zeichnen. Dabei liefern sie die metafilmische Reflexion der Ära Hollywoods, die auf Starpolitik mit festen Studioverträgen baute. Zu kurzzeitigen Turbulenzen kommt es, als der Hauptdarsteller eines christlichen Monumentalfilms (Clooney) betrunken vom Set weg entführt wird und einer Reihe kommunistischer Drehbuchautoren in die Hände fällt, die die Filme subtil mit ihren Botschaften unterwandern - eine Angstphantasie der McCarthy-Ära.

Das Changieren zwischen Film im Film und Szenen von den Dreharbeiten schafft ein cleveres Spiel mit den Realitätsebenen, das einem unterschiedlichen Publikum Vergnügen bereiten wird. Mit eleganter Beiläufigkeit werden dabei die Einflüsse religiöser Gruppierungen im klassischen Hollywood thematisiert und der Dialog zwischen christlichen und jüdischen Positionen integriert. Dieser Konflikt mündet schließlich in einem versöhnlichen Konsens im Film.

Während ein filmhistorisch interessiertes Publikum ein besonderes Vergnügen an der Neuinterpretation klassischer Genrestandards finden wird (Tanzchoreographien, Westernstunts), liegt ein besonderer Wert des Films in der Vermittlung filmhistorischer Aspekte auch an ein weniger informiertes Publikum.Insbesondere das Image-Building der Studios wird an der Figur eines jungen und etwas tumben Westernstars lebhaft vorgeführt. Dazu kommen politische Aspekte: so vermeidet der Studiochef Mannix (Brolin) einen Deal mit dem Waffenhersteller Lockheed, die Wasserstoffbombe wird ebenso thematisiert wie die Kommunistenangst. Dabei nehmen die Filmemacher die marxistische Kritik an Hollywood als Schlüsselmotiv auf. Die lautmalerische Parallele von Capitol Pictures und Karl Marx'"Kapital"erscheint hier ebenso bedeutend wie das Auftreten von Herbert Marcuse persönlich, der Whitlock, den alkoholkranken Lebemann, kurzfristig zum Kommunisten macht. Dabei steht Clooney schauspielerisch einmal mehr souverän in der Tradition von klassischen Stars wie Clark Gable oder Cary Grant. Frances McDormand bleibt in Erinnerung als kettenrauchende und hyperprofessionelleCutterin, die sich im Schneideraum fast selbst stranguliert, als ihr Schal in die Filmspule gerät - eine eindringlichere Erinnerung an die Physikalität des Zelluloid-Filmprozesses ist kaum denkbar.

HAIL, CAESAR! ist eine intensive und monumentale Liebeserklärung an das klassische Hollywoodkino mit all seinen Tücken, von dem bewährten Coen-Team originell und detailreich inszeniert. Roger Deakins liefert makellos choreographierte Bildkompositionen, die Schauspieler glänzen in mitunter satirisch überhöhten Rollen, die indes nie das Interesse an denCharakteren verlieren. Die Coens haben mit diesem Film erneut bewiesen, dass sie zu den außergewöhnlichsten amerikanischen Filmkünstlern ihrer Generation gehören.



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