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Welcome to Karastan
Welcome to Karastan
© Piffl Medien

Kritik: Welcome to Karastan (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Filme über das Filmemachen sind beinahe so alt wie das Kino selbst. Bereits 1901 parodierte Robert W. Paul die Reaktionen der Zuschauer auf das neue Medium in "The Coutryman and the Cinematograph". 1924 machte Buster Keaton dann Ernst: In "Sherlock Junior" ist das selbstreflexive Moment nicht nur Teil, sondern auch Mittel der Komik. Seither beleuchten Filme über das Kino häufig Umbrüche in der Branche und die Krisen ihrer Macher. Mit dem Aufkommen des Autorenfilms rückte der Regisseur zunehmend in den Fokus.

Wenn Emil Forester (Matthew Macfadyen) nun in Ben Kopkins' "Welcome to Karastan" in die Schaffenskrise gerät und sich in einem fiktiven osteuropäischen Staat mit den Widrigkeiten des Filmemachens herumschlagen muss, reiht er sich in der Filmgeschichte hinter zahlreichen namhaften Vorgängern ein. Marcello Mastroianni zählt als Guido Anselmi in Federico Fellinis "Achteinhalb" (1963) ebenso dazu wie François Truffaut und Woody Allen in ihren eigenen Filmen. Truffaut gab 1973 in "Die amerikanische Nacht" den Regisseur Ferrand, der hinter den Kulissen versucht, die Fäden zusammenzuhalten. Als Sandy Bates parodierte Woody Allen 1980 in "Stardust Memories" gleich sein komplettes filmisches Werk und nahm mit einem klugen Vexierspiel aus Fakten und Fiktion Kritiker und Publikum gehörig auf die Schippe.

Die eigene(n) Biografie(n) dürfte(n) auch bei "Welcome to Karastan" Ideenlieferant gewesen sein. Ben Hopkins schrieb das Drehbuch gemeinsam mit Pawel Pawlikowski, der in diesem Jahr für "Ida" den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhielt. Vor dem Preisregen stagnierte Pawlikowskis Karriere. Zwischen "Die geheimnisvolle Fremde" (2011) und "My Summer of Love" (2004) drehte der Pole keinen Spielfilm. Hopkins Werdegang verlief ähnlich. Wie sein Protagonist Emil Forester heimste der 1969 geborene Brite bereits einige Preise ein. Anfang des Jahrtausends setzte er mit der Independentproduktion "Die neun Leben des Thomas Katz" ein Ausrufezeichen. Für seinen Dokumentarfilm "37 Arten ein Schaf zu nutzen" erhielt er bei der Berlinale 2006 den Caligari Filmpreis. Hopkins' letzter Spielfilm, "Pazar – Der Markt" liegt allerdings schon sieben Jahre zurück. Einige Projekte scheiterten kurz vor Drehreife, Angebote aus anderen Bereichen gab es hingegen genug. In einem Interview hat sich Hopkins zu lukrativen Jobs etwa in der Werbebranche geäußert. Bisher hätten Pawlikowski und er diesen Versuchungen jedoch stets widerstanden.
Diese persönlichen Enttäuschungen und Verlockungen verknüpfen Hopkins und Pawlikowski mit ihren Erfahrungen, die sie bei Dreharbeiten und auf Motivsuche vom Balkan bis zum Kaukasus gemacht haben. Herausgekommen ist ein grotesker Trip durch den wilden Osten, auf den die beiden ihren Protagonisten Emil Forester schicken.

Ganz so standhaft wie die beiden Autoren ist ihre Hauptfigur nicht. Allzu schnell tauscht Emil seine künstlerische Integrität gegen die Möglichkeit ein, einen Film mit scheinbar unbegrenzten Mitteln zu inszenieren. In Gestalt der schönen Chulpan (MyAnna Buring) kommt die Botin der Versuchung aber auch äußerst verführerisch daher. Den beiden Hauptdarstellern ist es schließlich auch zu verdanken, dass Hopkins seinen Film nicht vollends in den Sand setzt. MyAnna Buring nimmt der Zuschauer die Verführerin ab, die ihr Opfer nicht nur mit ihren weiblichen Reizen, sondern auch mit ihrem Intellekt in die Falle lockt. Matthew Macfadyen gibt den Künstler in der Krise als naiven Grübler, der zwischen Selbstzweifeln, Selbstmitleid und Selbstverliebtheit schwankt. Ganz auf den Kopf gefallen ist dieser Emil Forester nicht, zu leicht und gern verfällt er aber auch den Versprechungen, die ihm der eloquente Machthaber Abashiliev (Richard van Weyden) bietet. Karastans Nationaldichter charakterisiert seinen Präsidenten in einem Gespräch mit Emil drastisch: "Er kann lächeln und Ihnen gleichzeitig in den Mund scheißen."

Auf ähnlich flachem Niveau bleibt auch der Humor. Abseits der sanften (Selbst-)Ironie, mit der Hopkins und Pawlikowski ihren Protagonisten zeichnen, gehen die Drehbuchautoren eher mit grobem Strich zu Werke. Die richtige Balance zwischen Groteske und Schwermut finden sie selten. Der wilde Osten kommt auch in "Welcome to Karastan" nicht ohne platte Klischees aus. Hollywood-Star Xan Butler (Noah Taylor) ist selbstredend ein selbstverliebter Egomane auf religiöser Sinnsuche, Präsident Abashiliev ein im Westen ausgebildeter Musterschüler, dem weniger am eigenen Volk als an den eigenen Verdienstmöglichkeiten gelegen ist. Ansonsten fließt reichlich Wodka irgendwo zwischen einstürzenden Plattenbauten voller Kleinkrimineller und protzigen Prachtbauten voll korrupter Beamter.

Das ist weder kluge Reflexion über das Filmemachen noch über kaukasische Befindlichkeiten – und zu alledem nur leidlich komisch. In der Reihe der Regisseure, deren Filmkrise in einen großen Film über Krisen mündete, reiht sich Ben Hopkins mit "Welcome to Karastan" ganz weit hinten ein.

Fazit: Der Künstler in der Krise – das hat der Zuschauer schon deutlich origineller und vor allem komischer auf der Leinwand gesehen. Ben Hopkins' Reflexion über das Filmemachen bleibt an vielen Stellen zu brav, trifft nur selten den richtigen Ton und begnügt sich größtenteils mit platten Klischees.





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