VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Bavaria Vista Club
Bavaria Vista Club
© Konzept + Dialog. Medienproduktion

Kritik: Bavaria Vista Club (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die sieben Volksmusik-Gruppen, Einzelinterpreten und Duos, die auf dem Open-Air-Konzert des Bavaria Vista Club im Juni 2014 auftreten, lassen sich kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Am ehesten verbindet sie noch ihre Abkehr vom traditionellen Konzept besinnlicher Stubenmusik. Sie experimentieren mit Verbindungen aus bayerischen Klängen und Jazz, Blues, Rock, Reggae, Folk. Das vom Musiker Wolfgang Ramadan organisierte Konzert nimmt mit dem Namen Bavaria Vista Club Bezug auf den legendären, von Wim Wenders filmisch porträtierten "Buena Vista Social Club" der kubanischen Musikszene. Der Bavaria Vista Club soll nach dem Willen der Initiatoren ein offenes Dach sein, unter dem Volksmusiker zusammenfinden, die an die Vereinbarkeit von Richtungen aus verschiedenen Ländern, an den Stilmix glauben. Dieser erste Dokumentarfilm einer geplanten Reihe porträtiert Musiker aus Oberbayern.

Der Filmemacher Walter Steffen hat seine Low-Budget-Produktion ohne Filmförderung und TV-Beteiligung, aber mit Unterstützung von Unternehmen und privaten Sponsoren, sowie des Bezirks Oberbayern verwirklicht. Als Rahmen dient das sommerliche Open-Air-Konzert auf der Kreutalm in den bayerischen Voralpen. Die porträtierten Bands werden auf der Bühne gezeigt und im privaten Umfeld. Einige von ihnen, wie die Gruppe Zwirbeldirn, wohnen in München und musizieren in der Wohnküche, andere leben auf dem Land und proben im heimischen Garten oder Haus. Die Jodlerin Barbara Lexa lernte das Singen von ihrer Mutter, den Kern der Unterbiberger Hofmusik bildet eine Familie. Andere, wie Williams "Wetsox" Fändrich, kamen auf ihren Reisen in den wilden 1970er Jahren erst in Kontakt mit anderen Musikrichtungen und dann erst zur bayerischen Volksmusik. Der Reggae- und Latinsänger Wally Warning und sein langjähriger Freund Wolfgang Ramadan treten als bayerisch-karibisches Duo auf, das oft zweisprachig singt. Bei all dieses Sängern und Instrumentalisten hat sich die Liebe zur Musik eigenwillige, überraschende Wege gebahnt und ist von einer grundsätzlichen Neugier für die Wurzeln geprägt.

Als Experte dient dem Film der volkskundliche Musikhistoriker Andreas Koll. Er spannt einen geschichtlichen Bogen von der Touristenunterhaltung Ende des 19. Jahrhunderts, über die nationalsozialistische Heimattümelei bis zur Aversion gegen die solchermaßen vorbelastete Volksmusik in den 1970er und 1980er Jahren. Der gegenwärtigen Generation sei es endlich möglich, ein "ungezwungenes Verhältnis" zur Volksmusik zu entwickeln, ohne dabei ständig ans Bewahren oder Verändern denken zu müssen. Dieser Dokumentarfilm beweist eindrucksvoll, wie viel Spontaneität und Ausdruckskraft in der neuen, befreiten Volksmusik möglich sind.

Fazit: Der spannende Dokumentarfilm porträtiert oberbayerische Vertreter der alternativen Volksmusikszene, die Heimat- und Welteinflüsse verbinden. Die Musikausschnitte und Erzählungen belegen eindrucksvoll, wie lebendig, bunt und offen Tradition interpretiert werden kann.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.