VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
The Strange Color of Your Body's Tears
The Strange Color of Your Body's Tears
© Drop-Out Cinema eG

Kritik: The Strange Color of Your Body's Tears (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Bereits mit ihrem ersten experimentellen Spielfilm "Amer" (2009) sorgte das in Brüssel beheimatete Regieduo aus Hélène Cattet und Bruno Forzani, weltweit auf Filmfestivals für großes Aufsehen. Auch der noch experimentellere Nachfolger "The Strange Colour of Your Body Tears" huldigt dem Genre des "Giallo" - einer besonders oppulenten und zumeist erotisch aufgeladenen Form des Psychothrillers, die im Italien der 60er und 70er-Jahre ihre Hochzeit erlebte. Seit einigen Jahren erfährt das Genre eine merkliche Wiederbelebung. Cattet und Forzani gehören zu den interessantesten Vertretern des Neo-Giallo. Die Filmemacher bedienen sich der fetischistischen Trademarks des Genres, wie schwarze Handschuhe und Rasiermesser, machen jedoch etwas Neues damit.

Bereits "Amer" war viel mehr das experimentelle Coming-of-Age-Drama einer jungen Frau, als ein klassischer Genrefilm. "The Strange Colour of Your Body Tears" ist für Cattet und Forzani das männliche Gegenstück hierzu. War "Amer" das Yin, so ist der neue Film das Yang. Gemeinsam bilden die beiden Filme eine größere Einheit, das Yin und Yang des experimentellen Neo-Giallos. Statt einer Handlung im klassischen Sinne, entfaltet "The Strange Colour of Your Body Tears" - noch mehr, als bereits "Amer"- ein kryptisches Bilderrätsel, das zum mehrfachen Ansehen einlädt und auch dafür konzipiert ist.

Die im Film auf den Zuschauer einprasselnde Bilderflut wirkt oft so, als wollten die Filmemacher dem Zuschauer ihre Bilder direkt in die Netzhaut einbrennen: Die Bilder wechseln von knalligen Farben zu Schwarz-Weiß und wieder zurück. Bunte Jugendstil-Glasfenster verformen sich zu abstrakten Rhomben, reale Objekten verwandeln sich in rein geometrische Formen, die sich in einem kaleidoskopartigen Farb- und Formwirbel auflösen. Stetig neue Split-Screens zerteilen Gesichter und setzen sie neu zusammen. Harte Schnitte zerhacken Bildsequenzen und formen immer neue Bildfolgen. Auch die Geräuschkulisse geht gerne hart an die Schmerzgrenze. Statt Klängen, gibt es gezielte akustische Faustschläge: ein Zerren und ein Reißen, ein Knallen und ein Knacken, ein Schlitzen und ein Stechen, ein Stöhnen und ein Schreien.

Das Raum-Zeit-Kontinuum wird gesprengt und die Gesetze der Logik werden radikal ausgehebelt. Zwar beginnt sich bei mehrfacher Sichtung des Films so etwas, wie ein geheimer Bauplan abzuzeichnen, wo zuvor nur reine Willkür zu herrschen schien. Doch zwischen den einzelnen Puzzleteilen verbleiben irrationale Freistellen, die mit reiner Improvisation ausgefüllt sind. Diese Leerstellen wirken wie locker improvisierter Jazz, sind spielerischer Exzess. Bruno Forzani zufolge ist dieses Werk speziell dafür gemacht, häufiger angesehen zu werden, da es mit jeder neuen Sichtung zusätzlich an Tiefe gewinnt. Der ideale Ort, um dieses Kinokunstwerk zu genießen, ist definitiv der Kinoraum. Dort kommen die Bilder am besten zur Geltung und auch das ausgefeilte Sounddesign wurde speziell für die Wirkung im Kinosaal entwickelt.

Fazit: "The Strange Colour of Your Body Tears" ist ein sehr ungewöhnlicher Film, auf den man sich wirklich einlassen muss. Wer dies tut, kann eines der außergewöhnlichsten audiovisuellen Kunstwerke der letzten Jahre entdecken.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.