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Kritik: Unsere Wildnis (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die französischen Naturfilmer Jacques Perrin und Jacques Cluzaud ("Nomaden der Lüfte", "Unsere Ozeane") tauchen mit ihrem neuen Dokumentarfilm tief in die Vergangenheit des europäischen Kontinents ein und reimaginieren das Goldene Zeitalter der Wälder. Die Aufnahmen wilder Tiere in scheinbar unberührter Natur stammen zwar aus heutiger Zeit, aber sie erzeugen, unterstützt von einem erklärenden Off-Kommentar, die Illusion eines viele Jahrtausende zurückliegenden Universums, das weitgehend frei von menschlichen Eingriffen existierte. Dennoch gehörte der Mensch der Steinzeit von Anfang an dazu: Er taucht ab und zu in Form von kleinen Reenactment-Szenen vor der Kamera auf, gehüllt in ein Tierfell und mit staunendem Blick. Der Urwald und seine Tiere prägten die Mythologie dieses frühen Europäers.

Der Film bietet über weite Strecken wunderschöne Naturaufnahmen in einer Waldwildnis, in der die Tiere unter sich sind. Im Wandel der Jahreszeiten durchstreifen Wildschweine, Bären, Wölfe, Pferde, Wisente, Elche, Hirsche ihre Weiten. Die Kamera beobachtet Revierkämpfe und zeigt, wie Raubtiere in vollem Lauf jagen. Wenn knurrende Wölfe ihre Beute zerreißen, erscheint der Wald nicht gerade als friedlicher Ort, und dennoch gehören auch diese Szenen ganz selbstverständlich zu seinem Kreislauf des Werdens und Vergehens. Gleithörnchen werden in der typischen Fortbewegungsart gefilmt. Auch in der Welt der Vögel, Lurche und Insekten findet der Film attraktive Motive, entdeckt Faszinierendes im Unscheinbaren.

Die Reenactment-Szenen, die sich im späteren Filmabschnitt häufen, dienen vor allem als Kulisse aus der Perspektive der bedrängten Tierwelt. Sie liefern das Geräusch von Stimmen, den Lärm von Maschinen und zeigen menschliche Tätigkeiten aus verschiedenen Kulturepochen, zum Beispiel eine feudale Jagd oder den Pestizideinsatz auf einer modernen Obstplantage. Manche Singvögel und andere Kulturfolger finden auch jenseits des Waldes eine Heimat, die großen Wildtiere aber nicht. Begleitet wird dieser naturhistorische Streifzug von der oft zarten Musik von Bruno Coulais. Der Off-Kommentar kommt nur gelegentlich hinzu und wirkt dann, obwohl er sich nicht auf trockene Informationen beschränkt, sondern auch Meinung beinhaltet, bereichernd. Dieser außergewöhnliche Naturfilm ist nicht nur eine Augenweide, er versteht es auch einfallsreich, den landschaftlichen Wandel in großen geschichtlichen Zeiträumen sichtbar zu machen.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Jacques Perrin und Jacques Cluzaud lässt auf der Leinwand das Goldenen Zeitalter der Wälder, die einst Europa bedeckten, lebendig werden. Mit schönen Tierbeobachtungen in heutigen Biotopen vermittelt er eine gelungene Vorstellung von der Vielfalt der Arten in jenen weiten Urwäldern. Der weite naturhistorische Bogen des Films beeindruckt und plädiert überzeugend für ein neues Verhältnis des modernen Menschen zu ursprünglichen Landschaften.




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