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Kritik: Guten Tag, Ramón (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das gefühlvolle Drama handelt von der Freundschaft zweier Menschen, die aus verschiedenen Kulturen und Generationen stammen und noch nicht einmal die gleiche Sprache sprechen. Der mexikanische Regisseur und Drehbuchautor Jorge Ramírez-Suárez, der in Deutschland lebt, spiegelt nach eigener Aussage in der Geschichte seine überwiegend positiven Erfahrungen als Fremder in diesem Land. Mit seinem naiven Stil ist der Film nicht frei von Klischees, verfügt jedoch über anrührenden Charme.
Wenn Ruth den obdachlosen Ramón fragt, warum er nach Deutschland gekommen sei, klingt das aus der Sicht des Zuschauers ziemlich blauäugig. Denn der in Mexiko spielende erste Teil der Handlung zeigte den Druck, der auf Ramón lastet, seine Familie finanziell zu unterstützen. Jobs gibt es in seiner Heimatregion nicht – es sei denn, man verdingt sich im Drogengeschäft. Im Vergleich zu der streng bewachten Grenze zur USA ist die Einreise nach Deutschland aus Ramóns Sicht geradezu kinderleicht. Ebenso leicht aber ist es, danach auf der Straße zu landen. Ramóns Abenteuer in Deutschland entwickelt sich in einer seltsam aus der Zeit gefallenen Oase der Geborgenheit mit einem engen sozialen Radius: Er wohnt und arbeitet im Mehrfamilienhaus von Ruth und bestaunt im Tante-Emma-Laden das Warenangebot der Wohlstandsgesellschaft. Die paar Euro, die er mit dem Wegtragen von Sperrmüll oder seinem Tanzunterricht im Bekanntenkreis von Ruth verdient, heben sein Selbstbewusstsein. In dieser betonten Einfachheit der Geschichte liegt auch ihr eigenwilliger Charme. Er entspricht der kindlichen Art von Ramón, der sich über kleine Erfolge freuen kann und sich in Ruths Keller schon am Ziel seiner Wünsche fühlt.
Kristyan Ferrer spielt Ramón als vertrauensvollen Sympathieträger, der Beschützerinstinkte weckt. Ingeborg Schöner stellt Ruth als Frau mit Zivilcourage und klaren Vorstellungen dar. Sie überschüttet Ramón nicht mit Zuwendung, sondern stärkt seine Eigeninitiative. Die spannende Freundschaft dieses Duos erreicht ihren Höhepunkt bei einem gemeinsamen Abendessen, während dem beide in ihrer Muttersprache von sich erzählen. Obwohl sie die Worte des jeweils anderen nicht verstehen, funktioniert ihr emotionaler Austausch beeindruckend. Ramóns und Ruths Freundschaft hat etwas Utopisches, das sich dem schnöden Lauf der Dinge widersetzt und zeigt, wie stark das Bild, das man sich von einer Gesellschaft macht, von individuellen Begegnungen abhängt. Die Geschichte wartet im weiteren Verlauf noch mit überraschenden Wendungen auf. Wo Probleme auftauchen, beeinträchtigen sie den positiven Tonfall des Gesamtfilms nicht. Wer sich auf soviel naiven Wohlfühlcharme einlassen mag, wird an diesem herzlichen kleinen Film seine Freude haben.

Fazit: Die Freundschaft eines jungen Mexikaners mit einer Rentnerin, die ihn in Deutschland von der Straße holt, ergibt eine trotz ihrer Klischees ganz hübsche Wohlfühlgeschichte von naivem Charme.




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