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FBW-Bewertung: L'Chaim! - Auf das Leben! (2014)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Der Film zeichnet sich durch große Nähe zu seinem Protagonisten aus und schafft so Momente beeindruckender Intensität. Er stellt einen außergewöhnlichen Menschen vor, der eine bemerkenswerte Biografie und Lebenshaltung aufweist und über großes Charisma verfügt. In seiner sprunghaften Struktur entspricht der Film dem ruhelosen Charakter Chaims, der überall in der Welt zu Hause ist, aber dennoch keine Heimat hat. Die längere Eingangssequenz, die ihn bei einer Fahrt nach Holland und beim Besuch eines Coffeeshops zeigt, stimmt gut auf seine Persönlichkeit ein und deutet darauf hin, dass er immer in Bewegung und die meiste Zeit bekifft ist. Das Motiv der Autofahrt wird auch am Ende wieder aufgenommen und rundet den Film ab, der die verschiedenen Stationen von Chaims Lebens schildert und, ohne zu werten, die unterschiedlichen Facetten seiner Persönlichkeit beleuchtet.

Aber es geht nicht um ihn allein, sondern auch um das Verhältnis zu seiner Mutter, um die er sich aufopfernd kümmert. Die Geschichte der Familie, die von den Nazis aus der Heimat vertrieben und ins Konzentrationslager geschickt wurde und großes Leid erfahren musste, ist stets präsent. Auch Chaim hat das familiäre Trauma verinnerlicht; es prägt sein Denken und Handeln. Vor diesem Hintergrund ist auch nachvollziehbar, dass er der Mutter den Selbstmord der Schwester verheimlicht und ein Lügengebilde über deren angeblichen Aufenthalt in Israel aufbaut. Der Zuschauer erkennt die Zweifel der Mutter, teilt aber mit Chaim ein Wissen, das sie nicht hat, und wird damit in ein Familiengeheimnis hineingezogen, welches das Ausmaß einer griechischen Tragödie hat.

L?CHAIM ? AUF DAS LEBEN! ist ein Film von großer Integrität, der einen tiefen Einblick in ein singuläres Schicksal erlaubt, das gleichzeitig ein Massenschicksal ist. Er lässt mitfühlen mit den Überlebenden des Holocaust und zeigt die Wurzellosigkeit der nachfolgenden Generation, die vom Trauma der Eltern und Großeltern geprägt ist. Dabei macht er nachvollziehbar, dass Menschen, die ihre Angehörigen und ihre Heimat verloren haben, ihre Zuflucht, Stärke und Verpflichtung in der Familie sehen ? ein Thema, welches in Film und Forschung bisher nur unzureichend behandelt wurde.



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