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Kritik: Titos Brille (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Titos Brille" ist der erste Film der aus Köln stammenden Regisseurin Regina Schilling seit der Dokumentation "Geschlossene Gesellschaft" von 2011. Im Mittelpunkt von "Titos Brille" steht Adriana Altaras, die sich auf eine ausgiebige Reise zu Stationen ihres Leben und zu früheren Wirkungsstätten der Eltern machte, um die eigene Identität zu ergründen. Altaras wurde 1960 in Zagreb im damaligen Jugoslawien geboren, ihre Eltern kämpften als Partisanen für Tito, den Partisanenführer und späteren Ministerpräsidenten Jugoslawiens. 1967 kam Altaras mit ihren Eltern nach Deutschland, nachdem sie ihre ersten Lebensjahre in der Schweiz und Italien verbrachte. Nach dem Abitur studierte Altaras Schauspiel in Berlin, erste Filmrollen kamen zu Beginn der 80er-Jahre. Schwerpunkt ihrer Tätigkeit jedoch bildete ihre Theaterarbeit, sowohl als Darstellerin als auch als Regisseurin, die sie u.a. nach Konstanz und Basel führte. Ende der 80er-Jahre erreichte sie ihren Höhepunkt als Schauspielerin: 1988 erhielt sie für ihre Rolle in "Das Mikroskop" von Rudolf Thome den Deutschen Filmpreis.

Ihre jüdischen Wurzeln spielten in ihrem Leben immer wieder eine wichtige Rolle. Mitte der 90er-Jahre war sie für die von Steven Spielberg ins Leben gerufene Shoa Foundation als Interviewerin von Zeitzeugen und KZ-Überlebenden tätig. Altaras ist mit einem Katholiken verheiratet und hat zwei Söhne, darunter den Jungschauspieler Aaron Altaras ("Tatort"). Mit einem alten, klapprigen Mercedes begab sie sich auf eine ereignisreiche, erhellende Reise quer durch Europa, einzig begleitet von Filmemacherin Regina Schilling. "Titos Brille" lebt dabei in erster Linie vom aufbrausenden Temperament und dem hintersinnigen Humor der Protagonistin. Mit ihrer direkten Art sorgt die 55-jährige für viele Schmunzler und begegnet den tragischen Vorkommnissen bzw. Aspekten ihrer Lebens- und Familiengeschichte (von denen durchaus einige gibt) mit viel Ironie.

Regisseurin Schilling weicht dabei niemals von ihrer Seite und begleitet Altaras auf ihrem Weg quer durch Süd- und Südosteuropa: von Gießen über den Gardasee und Dalmatien bis nach Zagreb und Split. Als besonders interessant erweisen sich dabei die Treffen mit Altaras' Tante und ihrem Cousin, der alles über die bewegte Familiengeschichte sammelt. "Titos Brille" macht zudem anhand von Adriana Altaras zwei Dinge deutlich: Zum einen, wie es sich als jüdische Frau mit ausländischen Wurzeln heute in Deutschland leben lässt. Zum anderen, wie die Nachkriegsgeneration mit dem schweren Erbe der Eltern umgeht, vor allem dann, wenn die Geister der Verstorbenen - die Dibbuks - noch immer ihr Unwesen treiben. Diesen trefflichen Vergleich zieht sie in ihrem Film immer wieder und er macht klar, dass einen auch noch mit Mitte 50 das Leben und Wirken der eigenen Eltern intensiv beschäftigen und nicht loslassen kann.

Fazit: Gleichsam erhellender Road-Trip durch Südosteuropa wie spannende Aufdeckung einer bewegten und bewegenden Familiengeschichte, die vom Humor der Hauptfigur lebt.




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