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Kritik: Engelbecken (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Filmtitel "Engelbecken" bezeichnet das Stadtgebiet zwischen Mitte und Kreuzberg, durch das seit 1961 die Mauer führte. Die junge Westberliner Studentin Gamma Bak und der Ostberliner Theaterkünstler Steffen Reck trotzen mit ihrer Liebesbeziehung in den 1980er Jahren dieser Grenze. Der essayistische Rückblick der beiden Filmemacher ist ein ausdrucksstarkes Dokument persönlich erlebter Geschichte. Obwohl ihre private Beziehung bereits 1990 zerbrach, haben die Regisseure vor diesem Film auch noch ein Theaterstück und einen Kurzfilm gemeinsam verwirklicht.

In den Erinnerungen von Steffen Reck und Gamma Bak an die Jahre 1986 bis 1988 und in den Gesprächen, die sie zu verschiedenen Zeitpunkten mit Freunden und Weggefährten von damals führten, wird nach und nach die große innere Not und Isolation freigelegt, die wohl viele DDR-Bürger belastete. Den ständigen Kontrollhunger des Staates belegen zum Beispiel absurd-minutiöse Schriftstücke und Formulare der Behörden. Das Paar war verdächtig, aber auch die halbfreie Theatergruppe "Zinnober" war verdächtig, und Steffen Reck konnte in dieser paranoiden Atmosphäre bald kaum mehr das Haus verlassen. Heute äußert er sich dankbar und bewundernd über Gamma Bak, weil sie die Strapazen der Grenzkontrollen so lange auf sich nahm. Als Steffen Reck schließlich ausreisen will, weil ihm nichts anderes übrig bleibt, schlägt die tief verinnerlichte DDR noch einmal zu: Er fühlt sich schuldig, die Republik zu verlassen, sieht sich gar als Verräter. Diskussionen über solche Fragen sind auch heute, wie der Film zeigt, im eigenen Umfeld nur eingeschränkt möglich. Von denen, die er zurückließ, erinnert sich der eine oder andere aber an das damalige Bedürfnis, das eigene Arrangement nicht infrage zu stellen.

Viele Aussagen im Film kommen aus dem Off – man weiß oft nicht, von wem und selbst wenn einzelne Personen im Bild erscheinen, fehlen die Namen. Das erschwert die Orientierung. Man muss sich auch auf den impressionistischen Stil der Montage mit den vielen alten, zum Teil schwarz-weißen Aufnahmen erst einmal einlassen. Als Zwischentitel dienen der Collage Fragmente aus dem Wort Engelbecken, wie Eng, Gelb, Ecken. Dazu erklingt eine oft düstere Musik, die die Stimmung diffuser, lähmender Bedrohung widerspiegelt. Wer die DDR erlebt hat, wird sie so schnell nicht wieder los: Gerade auch deshalb ist dieser Film als subjektives zeitgeschichtliches Dokument wichtig.

Fazit: Der essayistische Dokumentarfilm über eine Ost-West-Beziehung im Berlin der Jahre vor dem Mauerfall taucht tief in die bedrückende, bedrohliche Atmosphäre in der DDR ein. Die beiden Filmemacher erzählen ihre eigene Geschichte und illustrieren sie mit einer kreativen Collage. Der Film ist nicht zuletzt auch ein Dokument der Schmerzen und der Fragen, die im Gegensatz zum verursachenden System noch lange weiterexistieren.





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