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Kritik: Girlhood (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Am Anfang von Célines Sciammas starkem Film "Girlhood" ("Bandes des filles") ist die Leinwand dunkel, dann erklingen Stimmen und ein American-Football-Feld ist zu sehen. Doch dort spielen keine Jungs, sondern Mädchen – unter ihnen Marieme (Karidja Touré). Sie liefern sich einen erbitterten Wettstreit, am Ende feiern sie indes gemeinsam ihr Spiel und ihre Gemeinschaft. Sie sind Mädchen in einer Welt, die von ihren Brüdern und Vätern bestimmt wird, von den Dealern und Jungs auf der Straße. Nur untereinander erfahren sie Zusammenhalt und Stärke. Als sie gemeinsam nach Hause gehen, ist in den Bildern zu sehen, wie ihre Fröhlichkeit und ihr Selbstbewusstsein der Angst und Zurückhaltung weichen.

Marieme lebt mit ihrer Familie in einem Pariser Banlieue. Während ihre Mutter mit Putzjobs das Geld verdient und der Vater abwesend ist, malträtiert ihr großer Bruder sie und ihre beiden jüngeren Schwestern mit einem Begriff von Ehre, der vor allem dazu dient, seine Schwestern zu unterdrücken. Marieme hält sich weitgehend an die Regeln und versucht, so unauffällig wie möglich zu sein. Dann begegnet sie Lady (Assa Sylla), Adiatou (Lindsay Karamoh) und Fily (Marietou Touré), drei Mädchen einer Gang. Durch sie lernt sie ein Leben mit Freiheiten kennen, von denen sie bisher kaum zu träumen wagte. Gemeinsam gehen sie in die Stadt, behaupten sich gegenüber anderen, stehlen und tanzen. Hier erfährt Marieme – von Lady in Vic für Victory umbenannt – den Rückhalt, den sie dringend braucht. Sie fühlt sich sicher, mutig und verstanden. Sehr eindrucksvoll wird es in der bezaubernden Szene deutlich, in der die Mädchen tanzen und bei Rihannas "Diamonds" mitsingen. Diese kurzen Momente des Glücks taucht Céline Sciamma in starke, leuchtende Farben und unterläuft damit das oftmals triste Farbschema von vielen anderen Coming-of-Age-Filmen und Sozialdramen.

Trotz dieser Momente der Freiheit ist die Realität allgegenwärtig. Auch Lady und ihre Freundinnen wollen die Dealer und Jungs in der Gegend nicht aufbringen und müssen Unterdrückung ertragen. Denn sie leben in einer Welt, die von komplexen Regeln bestimmt ist: von sozialen Konstrukten wie Ehre und Moral, aber auch dem Kodex der Armut und Kriminalität. Der Staat – sei es als Polizei oder Schule – spielt in dieser Welt keine Rolle. Stattdessen können sich Vic und ihre Freundinnen nur sicher und geschätzt fühlen, wenn sie zusammen sind.

Dabei durchläuft Marieme die Entwicklung von einem schüchternen jungen Mädchen zu einer selbstbewussten jungen Frau, die aber immer wieder die Enge ihrer Welt spürt. Als sie sich in einen Freund ihres Bruders verliebt, weiß sie, dass sie damit gegen die Ehre ihres Bruders verstößt. Nachdem er erfährt, dass sie mit ihm Sex hatte, muss sie die Wohnung verlassen und sucht Schutz bei einem Dealer – weil ihr keine andere Wahl bleibt. Und so wird aus der schönen jungen Frau äußerlich fast ein Junge, denn nur so kann sie sich davor schützen, als Prostituierte arbeiten zu müssen. Mühelos verkörpert Hauptdarstellerin Karidja Touré diese Wandlung und fügt sich perfekt in diesen Film ein, der Marieme nicht als Repräsentantin sieht, sondern zeigen will, was sie erfährt.

Über weite Teile des Films überzeugt auch die Inszenierung von Céline Sciamma, die ein außerordentliches Gespür für Milieus, Stimmungen und Erzähltempo zeigt. Dass der Film gegen Ende schwächer wird, fällt daher kaum ins Gewicht. Vielmehr gewinnt sie dem derzeit so populären und oftmals formelhaften Coming-of-Age-Film neue Seiten und Bilder ab.

Fazit: "Girlhood" ist ein starker Coming-of-Age-Film mit einer beeindruckenden Hauptdarstellerin. Sehr sehenswert!





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