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Missverstanden
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© Rapid Eye Movies

Kritik: Missverstanden (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Außenseiter(innen) haben es Asia Argento angetan. Vielleicht, weil sie als Jugendliche selbst eine(r) war? Diesen Schluss legt "Missverstanden" nahe. Der Zuschauer sollte dem italienischen Multitalent jedoch nicht zu schnell auf den Leim gehen.

In ihrer dritten Regiearbeit erzählt die Schauspielerin, Schriftstellerin und Sängerin aus dem Leben einer Neunjährigen Mitte der 1980er. Für Argento ist es eine bunte Zeit. Die expressiven Farben, in die sie die lose verknüpften Episoden ihres Films taucht, künden davon. Für Argentos Protagonistin Aria (Giulia Salerno) ist es vor allem eine wilde Zeit: erste Zigaretten, erster Alkohol und erster Liebeskummer in der Schule, permanentes Chaos Zuhause.

Gabriel Garko und Charlotte Gainsbourg geben die Eltern, Guido Bernadotte und Yvonne Casella, mit viel Verve. Während Gainsbourg als überforderte Mutter zwischen Ego-Trip und Sinnsuche überzeugt, schlittert Garkos Schauspiel am Rande der Glaubwürdigkeit entlang. Sein ohnehin stark überzeichneter Charakter voller Neurosen und Aberglauben gerät häufig zur Karikatur. Giulia Salerno kauft der Zuschauer hingegen alles ab. Für ihre Darbietung eines Mädchens, das im Machtkampf zweier Egomanen untergeht, wird sie in Erinnerung bleiben.

Den Vergleich mit der eigenen Biografie muss sich Regisseurin Asia Argento gefallen lassen. Die Überschneidungen sind zu offensichtlich.
Da ist zunächst der Inhalt: Asia Argento ist 1975 in Rom geboren. 1984 war auch sie neun Jahre alt. Wie ihre Protagonistin in "Missverstanden" stammt die Filmemacherin aus einer Künstlerfamilie. Ihr Vater Dario ist Regisseur, die Mutter Daria Schauspielerin. Auch Asia ist ein Scheidungskind. Mit 14 Jahren riss sie von zu Hause aus.
Dann wären da die Namen: Da die Behörden nach Argentos Geburt "Asia" nicht als offiziellen Vornamen akzeptierten, trugen sie "Aria" ein. Ihr Vater Dario drehte unter dem Pseudonym (Sirio) Bernadotte. Und auch Yvonne Casella ist keine Unbekannte. Auf den Namen, den in "Missverstanden" Charlotte Gainsbourg als Arias Mutter trägt, hörte Asia Argentos Urgroßmutter mütterlicherseits. Verheiratet war diese mit dem Komponisten Alfredo Casella, von dem einige Klavierstücke im Film zu hören sind.

Und dennoch sollte der Zuschauer der Regisseurin nicht so einfach auf den Leim gehen. Asia Argento spielt geschickt mit dem Wissen um die Film- und um ihre eigene Familiengeschichte, die wiederum selbst Teil der Filmgeschichte ist. Im Leben der neunjährigen Aria vermischt die Regisseurin verschiedene reale und fiktive Biografien. Arias Vater Guido Bernadotte ist ebenso eine Reflexion Dario Argentos wie eine Hommage an Helmut Berger und Dirk Bogarde, deren Rollen bei Tinto Brass und Liliana Cavani in einer alten Rolle Guido Bernadottes in "Missverstanden" ihren Widerhall finden. Die Protagonistin selbst ist eine filmische Wiedergängerin geprügelter Kinder von Francois Truffauts Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud) aus "Sie küßten und sie schlugen ihn" (1959) bis zu Sergio Comencinis Andrew Duncombe (Stefano Colagrande) aus dessen Film "Incompreso" (1967).

Und so muss sich Asia Argento auch einen Vergleich mit Truffaut und Comencini gefallen lassen. Auf letzteren verweist "Missverstanden" sowohl im Titel (Original: "Incompresa") als auch im Film selbst. (Wer genau hinsieht, erspäht Comencinis Drama auf einem Fernseher.) Trotz einer fabelhaften Giulia Salerno reicht "Missverstanden" jedoch nicht an seine Vorbilder heran. Dazu lassen dann doch zu viele der losen Episoden die erzählerische Dichte und eine souverände Mise en Scène vermissen.

Fazit: Mit "Missverstanden" ist Asia Argento ein berührendes Porträt einer Verlorenen gelungen, das geschickt mit Bezügen zur ihrem eigenen Leben und zur Filmgeschichte spielt. An die ganz großen Vorbilder reicht der Film jedoch nicht heran.




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