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Kritik: Tito on Ice (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Platte Hunde, Marschall Titos mumifizierter Leichnam im Kühlschrank und mit Gentechnik hantierende Kriegswitwen – das sind nur einige der Koordinaten des aberwitzigen Universum, das die Comickünstler Max Andersson und Lars Sjunnesson in ihrem Buch "Bosnian Flat Dog" entworfen haben. Auf unerschrockene Weise haben die beiden in Berlin lebenden Schweden mit ihrem Comic Reisereportage, surrealen Horror sowie absurde Komödie zu einem ziemlich groben und zugleich großartigen Klumpen Kunst verschmolzen: Kollabierende Realitätsebenen, um sich selbst kreisende Erzählstränge und auseinanderfallende Identitäten bringen die Konflikte des ehemaligen Jugoslawiens überspitzt auf den Punkt – und zerfließen sogleich wieder zu einem unüberschaubaren Alptraum.

In seinen besten Momenten ist "Tito on Ice" der Film gewordene "Bosnian Flat Dog": nicht unbedingt, wenn die Kamera über die bekannten Comicseiten fliegt, sondern dann, wenn Regisseur und Drehbuchautor Max Andersson neue Bilderwelten heraufbeschwört. Die in Schwarz-Weiß gehaltenen Stop-Motion-Sequenzen, die einen aus Papier und Müll gebastelten Kosmos zum holprigen Leben erwecken, sind das Herzstück des Films und durchdringen und kommentieren die dokumentarischen Aufnahmen im Sekundentakt. Dokumentieren, das heißt in "Tito on Ice" eben nicht einfach nur, das zu bezeugen, was passiert, sondern zugleich einen kreativen, sehr subjektiven Umgang mit dem Geschehen zu finden.

Diese Art der kritischen Auseinandersetzung findet sich sich auch in den zahlreichen Interviews mit Anderssons und Sjunnessons slowenischen, serbischen und kroatischen Kollegen wieder, die sich mit ihrer Kunst gegen eine brachliegende oder von Monopolisten beherrschte Kulturlandschaft zur Wehr setzen. In seiner Agenda wirkt "Tito on Ice" auch durch diese talking heads viel klarer als der wild mäandernde Comic. Im Vergleich ist Anderssons Dokumentarfilm nicht bloß zugänglicher, nüchterner sowie respektvoller, sondern leider auch ein ganzes Stück langweiliger als "Bosnian Flat Dog". Bedauerlich ist vor allem, dass die Animationen im Verlauf des Films immer wieder zur Illustration der dokumentarischen Aufnahmen verkommen und ihr unberechenbares Eigenleben dadurch deutlich einbüßen.

Fazit: Anhand einer eigenwilligen Mischung aus Stop-Motion-Szenen und dokumentarischen Aufnahmen erzählt der Filmemacher Max Andersson vom ehemaligen Jugoslawien, einer brachliegenden Kulturlandschaft und widerständiger Comickunst. Vor allem im direkten Vergleich mit Anderssons Comic "Bosnian Flat Dog" schwächelt "Tito on Ice" allerdings ein wenig und arbeitet allzu illustrativ.





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