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Kritik: The Visitor (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Katarina Schröters "The Visitor" ist ein Experiment. In ihrem immer selben schwarzen Kleid geht die Regisseurin durch die Millionenstädte, sucht die Nähe zu den Einheimischen und wartet ab, was passiert. Ihre Kamerafrau Paola Calvo bleibt Schröter dicht auf den Fersen. Ein Drehbuch gibt es nicht. Keine der Szenen ist geplant. Die Menschen, denen Schröter begegnet, erhalten selbst wenn die Kamera aus ist keine Erklärung. So ist es zumindest auf der Homepage des Films nachzulesen. Während Schröter eine fest umrissene Rolle einnimmt, sind alle anderen sie selbst. Das macht "The Visitor" zu einer Art performativem Dokumentarfilm; auf jeden Fall aber zu einem Erlebnis, das die üblichen Sehgewohnheiten sprengt.

Ein westliches Publikum gerät schnell ins Staunen, ob der Gelassenheit, mit der die Menschen auf Schröter reagieren. Sie gewähren ihr Zutritt in Privates bis Intimes. Die Regisseurin spiegelt deren Verhalten, gleicht sich ihnen auf diese Weise nach und nach an. Das Ich und das andere verschwimmen. Am auffälligsten wird dies bei der Marketingmanagerin Christina Feng, die ihre Begegnung mit Schröter in einem Audiotagebuch verarbeitet. Angesichts ihres stummen Gegenübers fangen die Zufallsbekanntschaften schließlich selbst an zu erzählen: von ihrem Leben, von ihren Wünschen und Träumen, meist jedoch von ihrer Einsamkeit. So ist "The Visitor" auch ein Zeugnis einer globalisierten Welt, in der die Menschen trotz der Millionen, die sie umgeben, allein sind. Der Verdacht liegt jedoch nahe, dass es eben jene Einsamen sind, die sich auf die Regisseurin und ihrer Kamerafrau eingelassen haben.

Denn das Experiment gelingt nicht überall. Der Erfolg oder Misserfolg scheint auch auf kulturelle Unterschiede zurückzuführen. In São Paulo sind die Begegnungen bis auf die mit dem Taxifahrer Cigano spärlich. Sie beschränken sich auf zwei kurze Episoden mit einem Obdachlosen und einer Theatergruppe, die unter einer Brücke probt. Bei beiden hat es den Anschein, als könnten sie Schröters Konfrontation nicht aus dem Weg gehen. Cigano wirkt hier wie ein letzter Ausweg. Schließlich ist ein Taxifahrer auf den Kontakt mit Fremden angewiesen. Und letztlich ist auch er ein Einsamer. Seit 15 Jahren lebt er in seinem Auto. Seine Umwelt scheint das nicht zu registrieren oder schlicht zu ignorieren. In Indien wiederum sind die Menschen sehr offen. So nah wie Cigano in Brasilien und wie Christina und der Wanderarbeiter Xilong in China lässt Schröter dennoch niemand heran.

All diese Begegnungen fängt Paola Calvo mit ihrer Kamera behutsam ein. Sie folgt Schröter unaufdringlich, wagt sich mit ihr ins Leben der flüchtigen Bekanntschaften vor. Ohne erklärenden Kommentar muss sich "The Visitor" ganz auf Kamera und Schnitt verlassen. Genau hier wirft der Film jedoch mehr Fragen auf, als dass er Antworten bereithält. Obwohl die Kamera immer und überall dabei ist, thematisieren die Gefilmten weder das Aufnahmegerät noch die Frau dahinter. Treffen sie auf Freunde, sprechen sie mit diesen zwar über die seltsame Fremde, die nicht mehr von ihrer Seite weicht. Die Kamerafrau, die nur wenige Meter davon entfernt ist und nun auch diese Freunde aufzeichnet, findet hingegen keinen Eingang in die Gespräche.

In einem Interview hat die Regisseurin geäußert, dass der Wanderarbeiter Xilong zunächst Bedenken hatte, Schröter und Calvo seien Journalisten. Erst nach einer Klarstellung hätte er sich geöffnet. Das strenge Konzept wird an dieser Stelle folglich aufgebrochen. Davon erfährt der Zuschauer jedoch nichts. Dieser Bruch wirft weitere Fragen auf: Haben alle Bekanntschaften die Kamera ohne Widerspruch akzeptiert, gar ignoriert? Haben sie sich tatsächlich natürlich verhalten oder vor der Kamera nicht doch eine Rolle gespielt? Und gab es weitere Erklärungen, wenn die Kamera ausgeschaltet war?

Es gibt Szenen, die Christina Feng und Katarina Schröter beim Fernsehen, beim Kochen, beim Französisch Lernen, beim Musikhören und beim Schlafen zeigen. Die Montage erweckt den Eindruck, als sei die Regisseurin der Marketingmanagerin 24 Stunden nicht von der Seite gewichen, quasi bei ihr eingezogen. Laut Schröters Aussage sind diese Bilder jedoch über einen Zeitraum von mehr als drei Wochen entstanden. Mehr als ein paar Stunden am Tag hätten die beiden das Beisammensein nicht ausgehalten. Die Annäherung an Feng ist also viel unspektakulärer, als es "The Visitor" seinem Publikum weismacht; die Montage eine Manipulation – zumindest dann, wenn es sich um einen Dokumentarfilm handelt. Doch vielleicht ist "The Visitor" ja auch eine Art Spielfilm mit dokumentarischen Elementen?

Fazit: "The Visitor" zeigt, dass man mit einem simplen Konzept erstaunliche Ergebnisse zutage fördern kann. Die unentschiedene Form fasziniert und verwirrt zugleich.





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