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Das Andere Rom
Das Andere Rom
© Officine UBU

Kritik: Das andere Rom (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Drei Jahre lang filmte Regisseur Gianfranco Rosi auf und abseits des Grande Raccordo Anulare, des Autobahnrings, der Rom wie ein Heiligenschein umschließt. Dabei hat er ganz gewöhnliche und recht ungewöhnliche Charaktere vor seiner Kamera versammelt. Das fertige Material hat Rosi auf 95 Minuten verdichtet. Darin fährt der Zuschauer mit einem Rettungssanitäter zu seinen nächtlichen Einsätzen, sitzt mit zwei alternden Prostituierten in ihrem Wohnmobil, bei einem Fischer am Küchentisch oder vor verschiedenen Fenstern eines trostlosen Wohnblocks. Einen Biologen begleitet er inmitten eines Palmenhains bei seinem Kampf gegen gefräßige Larven. Und mit einem (angeblichen) Prinzen wandelt der Zuschauer durch sein luxuriöses, mit teurem Kitsch vollgestopftes Anwesen, das der Prinz für allerlei Veranstaltungen vermietet – vom Fotoshooting bis zur Theateraufführung.

Rosi nähert sich ihnen äußerst behutsam. Seine Kamera ist dicht dran, bringt die Protagonisten jedoch nicht aus der Ruhe. Jeder öffnet sich auf seine Weise, lässt den Regisseur an seinem Alltag und seinen Gedanken teilhaben. Dazu bedarf es keines Kommentars aus dem Off oder erklärender Bauchbinden. "Das andere Rom – Sacro GRA" ist einfach dabei. Ein stiller Flaneur, der seinen Blick schweifen lässt.
Ebenso still ist die Dokumentation gefilmt und geschnitten. In einem bedächtigen Rhythmus reiht Rosi seine meist starren Einstellungen aneinander. Die Kamera bewegt er selten, schwenkt nur ab und an von links nach rechts, um dem Zuschauer die ganzen Ausmaße des Abgebildeten zu eröffnen.

An der Peripherie verströmt Rom etwas Ernüchterndes. Ohne den Glanz und die Jahrtausende alte Geschichte seiner Monumente wirkt Italiens Hauptstadt wie ein hässlicher Vorort – irgendwo auf der Welt. Das macht "Das andere Rom" zu einem universellen Gesellschaftsporträt, das von Menschen erzählt, die überall dieselben Sorgen und Freuden teilen.

Bei den 70. Filmfestspielen in Venedig gab es dafür den Goldenen Löwen. Warum sich die Jury unter Vorsitz Bernardo Bertoluccis zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals für einen Dokumentarfilm als Gewinner entschied, lässt sich wohl nur mit dem schwachen Jahrgang erklären. Sicherlich hat "Das andere Rom" seine Stärken, etwa in der bereits beschriebenen Art, wie sich der Film seinen Protagonisten nähert. Doch so universell sein Thema auch sein mag, so austauschbar ist es. Sein beiläufiger Erzählfluss und seine Beliebigkeit in der Wahl seiner Protagonisten sind seine größte Schwäche. Nur wenige der erzählten Geschichten berühren. Der Großteil der begleiteten Personen ist schlicht so uninteressant, dass ihr Alltag den Film über weite Strecken nicht zu tragen vermag. Und so baut der Zuschauer zu vielen keine Beziehung auf, will nicht mehr erfahren, sondern ist am Ende froh, wenn er die Ringautobahn wieder verlässt.

Fazit: In "Das andere Rom - Sacro GRA" nähert sich Regisseur Gianfranco Rosi der italienischen Hauptstadt von ihren Rändern. Formal geht er dabei sehr bedächtig vor, ordnet seine Geschichten einem Rhythmus anstelle einer Dramaturgie unter. Das verleiht seinem Film zwar einen demokratischen Blick, raubt ihm aber auch in weiten Teilen die Spannung.




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