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A Girl Walks Home Alone at Night
A Girl Walks Home Alone at Night
© Capelight Pictures © Koch Media

Kritik: A Girl Walks Home Alone at Night (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Schon die Produktion mutet kurios an. Ana Lily Amirpour wollte unbedingt einen iranischen Film machen. In der Heimat ihrer Vorfahren konnte die in England geborene und in den USA aufgewachsene Regisseurin mit persischen Wurzeln jedoch nicht drehen. Also erfand sie kurzerhand eine Stadt: Bad City, einen jener mythischen Orte des Kinos, an dem Popkultur und Filmgeschichte ineinanderfließen. Dort trifft ein iranischer James Dean (Arash Marandi) auf einen weiblichen Dracula (Sheila Vand), die 1950er kollidieren mit den 1990ern.

Fündig wurde Amirpour in der Wüste Kaliforniens. Eine heruntergekommene amerikanische Ölstadt wird zur fiktiven iranischen Geisterstadt, in der sich zur Geisterstunde tatsächlich ein übernatürliches Wesen herumtreibt. In betörenden Schwarzweißbildern im Breitwandformat geht die titelgebende junge Frau des Nachts auf Beutezug. Dieses gleichermaßen zarte wie tödliche Geschöpf spricht in der Originalversion des Films ausschließlich Farsi und trägt, wie es sich im Iran geziemt, einen Schleier. Der Tod kommt im Tschador, nicht selten auf einem Skateboard. Im Profil sieht das aus, als verfolge ein langer Schatten seine Opfer.

Doch diese Blutsaugerin ist einsam. Wie es der Filmtitel bereits verrät, geht sie stets allein nach Haus. Trifft sie zu später Stunde einen Mann, sind dessen Angebote eindeutig. Was sollte eine rechtschaffene Frau um diese Uhrzeit auch sonst auf der Straße suchen? Doch statt nackter Haut zeigt die Namenlose Zähne! Bei Amirpour fungiert der Vampir nicht mehr bloß als Metapher einer unterdrückten Sexualität, sondern als Rächer unterdrückter Frauen. Ihre Heldin scheint die einzig Moralische in einer Stadt voller Gesetzloser. Symbolisch entmannt sie die Männer.

Als ihr schließlich mit Arash (Marandi) der erste Mann begegnet, der weder vor ihr wegläuft noch mit ihr ins Bett will, ist sie sichtlich verwirrt. Und eine Romanze beginnt, für die Amirpour wunderschöne Einstellungen und einen feinfühligen Humor findet. Arash ist auf dem Rückweg von einer Kostümparty – völlig zugedröhnt und orientierungslos. Im Dracula-Gewand hält er unter einer Straßenlaterne inne und betrachtet fasziniert deren Licht. Für die Vampirin ein kurzer Moment der Irritation. Steht da etwa ein Gleichgesinnter vor ihr? Arash ist zu müde zum Gehen. Und so schiebt die junge Frau ihre Eroberung schließlich auf ihrem Skateboard nach Hause.

"Es ist, als hätten Sergio Leone und David Lynch ein gemeinsames Baby und dafür Nosferatu als Babysitter bestellt", hat die Regisseurin über ihren Film zu Protokoll gegeben. Dieses Baby ist das perfekte Midnight Movie. "A Girl Walks Home Alone at Night" steht ganz in der Tradition eines schrägen, etwas abseitigen Kinos von George A. Romeros "Night of the Living Dead" (1968) bis zu David Lynchs "Eraserhead" (1977), die in den 1970er Jahren in unzähligen Mitternachtsvorstellungen Kultstatus erlangten. Der Kultstatus ist auch Amirpours Vampirromanze sicher.

Fazit: Schräger Vampirfilm, der durch seine originelle Geschichte ebenso besticht wie durch seine atemberaubend fotografierten Schwarzweißaufnahmen. Ana Lily Amirpour ist ein kleines Genre-Meisterwerk geglückt.





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