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Murder in Pacot
Murder in Pacot
© EZEF © Filmgalerie 451

Kritik: Mord in Pacot (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das Drama des haitianischen Regisseurs Raoul Peck spielt in den Trümmern des verheerenden Erdbebens von 2010, das 250000 Bewohner des Karibikstaats das Leben kostete. Seine vier Protagonisten sind aber nicht nur mit Aufräumarbeiten im Gefolge der Naturkatastrophe beschäftigt, sondern schlagen sich auch mit der Kluft zwischen Arm und Reich und dem Erbe der Diktatur herum. Die Geschichte wird im Stil und Tonfall einer Bühnentragödie erzählt, die Dialoge tendieren oft zum Philosophischen. Peck verfasste das Drehbuch mit zwei Schriftstellern, dem Haitianer Lyonel Trouillot und dem Franzosen Pascal Bonitzer. Der Schauplatz erinnert ebenfalls an eine Bühne, denn der Film spielt fast vollständig vor und in der Villa eines Ehepaars.

Dieses namenlose Paar steht nicht nur materiell vor den Trümmern seiner Existenz. Wenn die Frau und der Mann ein paar Worte wechseln, dann sind sie rätselhaft und voller Andeutungen. Allmählich kristallisiert sich heraus, dass in den Trümmern auch der Leichnam des kleinen Jungen liegt, den sie adoptierten, um ihm eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Die Kluft zwischen der reichen und der armen Bevölkerung im Land tut sich in der Geschichte immer wieder auf. Der frühere Hausdiener des Ehepaars, Joseph (Albert Moleón), kehrt kurz zurück, um sich zu verabschieden: Er möchte die alte Arbeit nicht mehr. Das Beben scheint auch die soziale Ordnung erschüttert zu haben. Andrémise verdient ihr Geld als Prostituierte von Alex, will aber seine Freundin sein. Dabei ist sie voller Verachtung für den Weißen, der sich als Helfer wichtig macht. Und sie nimmt auch gegenüber der reichen Haitianerin kein Blatt vor den Mund. Andrémise steckt voller Lebenslust wie ein flatternder Schmetterling, sie wird von allen begehrt, weckt Eifersucht und bleibt dennoch die soziale Außenseiterin.

Immer wieder gehen die Dialoge rasch in bedeutungsschwangere Stille über. Wenn dann auch noch schwermütig-unheilvolle Musik erklingt, fühlt man sich an ein Melodram erinnert, das einen fatalistischen Kurs verfolgt. Der Schwebezustand, den die Dramaturgie erzeugt, dient dazu, die Realität von einer höheren Warte aus zu betrachten. Weder die Unwissenheit der westlichen Hilfsorganisationen, noch die Versuchung einiger Einheimischer, von der Situation zu profitieren, bleiben von der Kritik des Filmemachers verschont. Der deklamatorische Stil des Schauspiels und die ins Grundsätzliche zielenden Gedankengänge würden vielleicht noch besser ins Theater als ins Kino passen, wo sie mitunter etwas prätentiös wirken.

Fazit: Das schwermütige Drama von Raoul Peck nimmt das Erdbeben von 2010 zum Anlass für eine philosophische Betrachtung der haitianischen Gesellschaft, deren Probleme im Chaos schärfer zutage treten. Mit seinen bedeutungsschweren Dialogen und der starken Verdichtung der Themen ähnelt der Film einem Bühnenstück, das sich mit der Realität künstlerisch abstrahierend befasst.




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