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Wo willst du hin, Habibi?
Wo willst du hin, Habibi?
© Pro Fun Media

Kritik: Wo willst du hin, Habibi? (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Homosexualität und emotionale Konfusion bzw. das Hin- und Herschwanken zwischen den Geschlechtern sind häufig zentrale Themen in den Filmen von Regisseur Tor Iben, so auch in seinen bisherigen Werken "The Passenger" (2011) und "Cibrâil" von 2010. Oft geht es auch um Außenseiter der Gesellschaft, in seinem neuesten Film stehen davon gleich zwei im Zentrum: ein homosexueller Türke und ein krimineller Schwerenöter, der nichts anbrennen lässt. Bei "Wo willst du hin, Habibi?" streift Iben zudem die Themen Integration sowie kulturelle und ethnische Grenzen. Aber auch die Frage danach, wer man eigentlich ist und wo min hingehört, wirft er auf und ist daher mehr als nur ein Film über eine unglückliche Liebe oder rein erotisierender Beitrag zum Queer-Cinema. Gedreht in Berlin, wurde der Film zu weiten Teilen als Crowdfunding-Projekt realisiert.

Frisch und zu jeder Zeit sympathisch schlawienern sich die beiden Hauptfiguren durch den Film, wobei auch der trickbetrügende Chaot Ali durchaus mit seinem Luftikus-Charme und frechem Witz punkten kann. Aber auch der vermeintlich so schüchterne und harmlose Ibo ist gewieft, z.B. wenn es darum geht, seinem großen Schwarm näher zu kommen. Darstellerisch harmonieren die beiden gut und ihre Beziehung ist geprägt von allerlei unterhaltsamen, unerwarteten Ereignissen sowie Gefühlsirrungen und –wirrungen. Das größte Problem des Films sind seine mit der Brechstange servierten Zufälligkeiten, die in die Handlung eingebaut sind. Dadurch leidet mitunter die Glaubwürdigkeit der Geschehnisse.

Allein die Szene, wie sich die beiden näher Kennenlernen – Ali wird verprügelt und Ibo fährt gerade (zufällig) an dem Opfer vorbei – ist an den Haaren herbeigezogen und sorgt eher für unfreiwillige Komik. Nicht zuletzt auch wegen dem zweitklassigen Vorgehen der Schläger, die alles andere als angsteinflößend erscheinen. Oder der Moment der allerersten Begegnung der Zwei im Haus von Ibo, als Ali vor der Polizei flüchtet. Darüber hinaus kommt die vom Vater versuchte, psychisch ungemein brutale "Läuterungsaktion" für den schwulen Sohn vergleichsweise schwer glaubhaft daher. Natürlich stehen viele türkische Mitbürger sexuellen "Abweichungen von der Norm" nicht ganz so offen gegenüber und sind weniger tolerant als Westeuropäer, dennoch wird hier eher ein tiefsitzendes Klischee bemüht.

Dass der Film dennoch gut als immer wieder auch leichtes, und gelungen unterhaltendes Feel-Good-Movie mit gefühlvollen Momenten funktioniert, liegt neben der bereits erwähnten großartigen Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern vor allem an zwei Dingen: der Film nimmt sich selbst, seine Figuren und die Themen nicht zu ernst und punktet oft mit kessem Humor und unverfrorenem Witz, der einen nicht selten zum Schmunzeln bringt. Und zum anderen: mit der im Film behandelten Themenvielfalt, die sowohl politische als auch sexuelle und gesellschaftlich-kulturelle Aspekte berücksichtigt, beweist Regisseur Iben sein vielseitiges und intelligentes Gespür für aktuelle Debatten und inhaltliche Trends.

Fazit: Trotz einiger Zufälligkeiten in der Handlung zu viel, eine freche, sympathische und unterhaltsame Tragikomödie, die einen bunten Strauß an gesellschaftlich und politisch relevanten Themen anspricht.




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