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Der serbische Anwalt - Verteidige das Unfassbare!
Der serbische Anwalt - Verteidige das Unfassbare!
© barnsteiner-film

Kritik: Der serbische Anwalt - Verteidige das Unfassbare! (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Mühlen der Justiz mahlen langsam. 1995 ging der Bosnienkrieg zu Ende. Bereits 1996 lag ein internationaler Haftbefehl gegen Radovan Karadžić vor. Dem ehemaligen Führer der bosnischen Serben werden Kriegsverbrechen, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Doch erst zwölf Jahre später gelang es den Behörden, Karadžić zu fassen. Seit Oktober 2009 steht er vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag. Nach sechs Jahren, einem Teilfreispruch und der Aufhebung dieses Teilfreispruchs könnte das Urteil noch 2015 fallen.

Die Aufarbeitung eines Krieges ist ein komplexer Prozess. Das verdeutlicht bereits die Dauer des Verfahrens. Dass auch die daran beteiligten Personen eine Transformation durchlaufen, zeigt Alexandar Nicolić am Beispiel eines Mannes. Über mehrere Jahre hat der Regisseur Marko Sladojević, einen von Karadžić' Anwälten, begleitet. Was dessen Fall so besonders macht: Marco, selbst Serbe und in Belgrad aufgewachsen, ging vor seiner Emigration in die Niederlande gegen Slobodan Milošević und Karadžić auf die Straße. Dass er das einstige Feindbild nun doch verteidigt, begründet der Jurist nicht nur mit dem Recht eines jeden auf einen fairen Prozess, sondern auch damit, einen Teil zur Wahrheitsfindung beizutragen. Natürlich sieht er darin auch eine Karrierechance. Daraus macht Marko keinen Hehl.

Es sind diese Offenheit, Ehrlichkeit und die (Selbst-)Reflexion des Protagonisten, die Alexandar Nicolić' Dokumentarfilm sehenswert machen. Auf einen Kommentar aus dem Off verzichtet der Film. Einige Texttafeln erklären die Fakten, Archivaufnahmen zeigen den Krieg. Sonst ist "Der serbische Anwalt" ganz bei seinem Protagonisten.

Nicolić geht nicht der Frage nach der Schuld oder Unschuld Radovan Karadžić' nach. Dafür ist das Gerichtsverfahren zuständig. Zumal ein Film von knapp 80 Minuten diese Aufgabe gar nicht leisten kann. Auch begeht der Regisseur nicht den Fehler, Karadžić zu viel Platz einzuräumen. Durch seine Konzentration auf dessen Rechtsbeistand macht Nicolić jedoch begreifbar, wie schwierig es selbst für einen intelligenten, selbstkritischen Menschen ist, sich auf der Suche nach der Wahrheit nicht zu sehr auf eine Seite ziehen zu lassen. Immer wenn es den Anschein hat, als verlöre Marko seine Objektivität, als übernähme er eine vorgeformte Sicht, weisen ihn seine Frau Tina, selbst Juristin, oder seine Freunde mit klugen Kommentaren zurecht. Dass das auch seine Spuren im Privatleben hinterlässt, zeigt der Film ebenso beiläufig wie eindrücklich.

Auf seiner Suche nach Fakten und Beweisen zeigt "Der serbische Anwalt" aber auch, dass es für die Angehörigen der Opfer keine objektive Wahrheit geben kann. Ob es sie für Marko je geben wird, ist ebenso fraglich. Das Gerichtsverfahren hat ihn erschöpft, emotional abgestumpft. Sein anfänglicher Enthusiasmus ist verflogen. "Ich kam her, angeblich um eine Art Wahrheit zu finden, aber mir scheint, je mehr ich weiß, desto weniger verstehe ich", zieht Marko gegen Ende ein Résumé. Ganz aufgegeben hat er dennoch nicht. Gemeinsam mit zwei Kollegen will er ein Buch über den Jugoslawienkrieg schreiben.

Fazit: Ein ruhiger, nachdenklicher Dokumentarfilm, der die komplexe und schwierige Aufarbeitung eines Krieges am Beispiel eines Anwalts nachzeichnet.




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