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Kritik: Mediterranea (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Mediterranea" ist ein Film zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Das Mittelmeer, das im Titel anklingt, symbolisiert beides. Für die einen ist es die letzte natürliche Grenze auf ihrem Weg in eine bessere Zukunft, für die anderen wird es zum nassen Grab. Als "Mediterranea" völlig unvermittelt einsetzt, sind die Freunde Ayiva (Koudus Seihon) und Abas (Alassane Sy) in Algerien gestrandet, verdingen sich für einen Schlepper. Über Libyen gelangen sie schließlich nach Italien. Doch dort hat keiner auf sie gewartet. Bilder von jubelnden Bürgern am Bahnhof und von Politikern, die die Flüchtlinge mit warmen Worten und großer Geste umarmen, sucht man in "Mediterranea" vergebens. Nüchtern entlassen die Carabinieri Ayiva und Abas in den kalten kalabrischen Winter. Einzig zwei Frauen, eine junge Sozialarbeiterin und eine alte Dame, die die Neuankömmlinge liebevoll "Mama Afrika" nennen, kümmern sich um ihre Belange. Und so wird das Publikum Zeuge, wie sich das unterkühlte Klima allmählich aufheizt und in einer hitzigen Nacht entlädt.

Ausgangspunkt für Jonas Carpignanos ersten abendfüllenden Spielfilm waren Unruhen zwischen kalabrischen Jugendlichen und afrikanischen Saisonarbeitern im Jahr 2010. Von diesem Gewaltausbruch im süditalienischen Rosarno erzählte Carpignano bereits in seinem Kurzfilm "A Chjàna", der bei den Filmfestspielen in Venedig einen Preis erhielt. Koudous Seihon, ein Flüchtling, der bei der Straßenschlacht mitmischte, stand in "A Chjàna" zum ersten Mal als Ayiva vor der Kamera. In "Mediterranea" holt der italoamerikanische Regisseur mit weiteren Laiendarstellern nun noch weiter aus.

Es ist eine Geschichte von Heimat und Heimweh, von Aufbruch und Ankunft, von Annehmen und Ablehnen. Jonas Carpignano erzählt sie leise und unaufgeregt. Mit präzisem Blick rückt er nah an seine Protagonisten heran, die im wörtlichen wie im übertragenen Sinn ständig in Bewegung bleiben, bis zum Schluss nicht ankommen. Während Ayiva seinen Hungerlohn auf einer Orangenplantage als Chance begreift, fühlt sich Abas durch die miserablen Arbeits- und Lebensbedingungen bis zuletzt fremd. Wyatt Garfields agile Kamera rückt ihnen nicht von der Seite, fängt ihre innere Unruhe in nüchternen Bildern ein. Sie zeigen die Trostlosigkeit ebenso ungeschminkt wie die kleinen Freuden des Alltags, die immer wieder unvermittelt umschlagen. Einmal kippt die Stimmung auf einer Feier schlagartig, als Ayiva und Abas und mit ihnen die Zuschauer erkennen, dass sich die afrikanischen Frauen in Rosarno als Prostituierte durchschlagen. Ein anderes Mal sitzt Ayiva mit der Familie seines Chefs gemeinsam am Tisch und muss doch wenig später bitter erfahren, dass er (noch lange) nicht dazu gehört.

Es sind diese beiläufig beobachteten Nuancen und das stille Plädoyer für mehr Menschlichkeit im Umgang mit Fremden, die "Mediterranea" zu einem bedeutenden Film machen. Durch seine Kameraarbeit und die Laiendarsteller verströmt er etwas Dokumentarisches. Koudous Seihons zurückhaltendes Spiel geht einem nah und noch lange nach, wenn der Film seine Zuschauer ebenso unvermittelt, wie er begann, aus dem Kinosaal entlässt.

Fazit: Die aktuelle weltpolitische Lage macht "Mediterranea" unvorhergesehen zum Film der Stunde. Regisseur Jonas Carpignano ist ein Flüchtlingsdrama gelungen, das durch leise Töne und präzise Beobachtungen besticht und dabei (beinahe) alle Facetten der Flucht gleichermaßen klug, verständnisvoll und berührend vor Augen führt.




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