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Heaven Knows What
Heaven Knows What
© Mobile Kino

Kritik: Heaven Knows What (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Von Anfang an ist "Heaven Knows What" – das neue Werk der Brüder Joshua und Ben Safdie – eine Herausforderung für das Publikum. Auf den Austausch von Zärtlichkeiten zwischen dem jungen, obdachlosen Paar Harley und Ilya folgt sehr abrupt ein Konflikt zwischen den beiden, der in seinem Verlauf mehr und mehr die Züge von emotionalem Terror annimmt: Als Harley in ihrer Verzweiflung droht, sich die Pulsadern zu öffnen, wenn Ilya ihr einen (nicht näher beschriebenen) Fehltritt nicht vergeben kann, stachelt der unberechenbare Ilya sie so lange an, bis sie ihren Worten die suizidale Tat folgen lässt – und in letzter Minute gerettet werden kann. Die sich anschließende Sequenz im Bellevue Hospital Center erinnert an den fünften Höllenkreis – den Sumpf der zornigen Seelen – aus Dantes Inferno: Unterlegt mit rasenden Synthesizer-Klängen fangen die Safdie-Brüder mit dem äußerst begabten Kameramann Sean Price Williams ("Queen of Earth") einen Ort ein, der von Wut und Aggression beherrscht wird.

Das Bemerkenswerteste an diesen einleitenden Bildern, die uns ohne Rücksicht in Harleys Welt werfen: Sie wirken bei aller Rohheit und Brutalität zu keiner Sekunde reißerisch. "Heaven Knows What" ist weit davon entfernt, ein plumpes, billig provozierendes exploitation movie zu sein. Der Film glorifiziert die Selbstzerstörung seiner Protagonistin nicht; ebenso wenig will er die Zuschauerschaft mit einer warnenden Botschaft belehren. Das Attribut 'authentisch' mag heutzutage recht überstrapaziert sein – auf das Skript und die Inszenierung dieses Werks trifft es aber absolut zu. Während der Score einen gewissen Verfremdungseffekt hat, mutet das Gezeigte und Gesagte wie aus dem ungeschönten Leben gegriffen an. Nachdem Harley die Psychiatrie verlassen hat, wird keine konventionelle Story mit dramatischen Wendepunkten erzählt. Vielmehr geht es darum, wie die junge Frau mühsam ihre Existenz behauptet. Die Freundschaften, die Harley mit dem kumpelhaften Skully und dem Dealer Mike führt, sind uneindeutig und wechselhaft; Harleys amour fou mit Ilya wird in ihrer Intensität und Radikalität nicht zu erklären versucht. Als Schauplätze dienen öffentliche Orte wie Parks, Bibliotheken oder Fast-Food-Läden; der Alltag besteht darin, (Klein-)Geld oder U-Bahn-Tickets zu erbetteln, zu stehlen, an Stoff zu gelangen – und diesen zu konsumieren. Die Kamera lässt dabei stets ein Interesse an Details erkennen.

Die glaubwürdige Anmutung des Films hängt unmittelbar mit dessen Entstehungsgeschichte zusammen – denn "Heaven Knows What" basiert auf den Erfahrungen der Hauptakteurin Arielle Holmes. Die Kino-Novizin wurde von dem Filmemacher-Duo im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße entdeckt – und von den Brüdern dazu ermutigt, ihre persönliche Situation schriftlich festzuhalten. Holmes' Memoiren "Mad Love in New York City" dienten als Grundlage für das Drehbuch, das Joshua Safdie gemeinsam mit Ronald Bronstein verfasste. Als Schauspielerin ist Holmes – die demnächst in Andrea Arnolds "American Honey" zu sehen sein wird – wahrlich eine Wucht. Auch der Mike-Darsteller Buddy Duress, ein Freund von Holmes, wirkte in "Heaven Knows What" erstmals in einer Filmproduktion mit und verkörpert mit seiner eher sanftmütigen Art einen interessanten Kontrast zum sadistisch veranlagten Ilya, dem Caleb Landry Jones ("Stonewall") eine starke Präsenz verleiht.

Fazit: Ein wuchtiger Indie-Film, dessen authentische Wirkung tief beeindruckt. Die Debütantin Arielle Holmes erweist sich als echter Glücksgriff.





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