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Familie haben
Familie haben
© Jonas Rothlaender

Kritik: Familie haben (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

"Du stellst Fragen, die hab ich mir selber noch nie gestellt", entgegnet der 90-jährige Günther – nicht ohne Vorwurf in der Stimme – seinem Enkel Jonas Rothlaender, dem Regisseur von "Familie haben". Der Filmemacher stellt sich in seinem Dokumentarfilm der eigenen, von zahlreichen Konflikten belasteten Familiengeschichte und geht dabei tiefer, als so manchem Verwandten und mitunter auch Rothlaender selber lieb sein dürfte.

Nachdem der Regisseur stellvertretend für seine verstorbene Großmutter die Konfrontation und Aussprache mit dem Großvater sucht, weitet sich Rothlaenders psychoanalytische Spurensuche bald auf drei Familiengenerationen aus. Großvater Günter entpuppt sich als kalter Mensch, der keine Liebe zulassen kann und über familiäre Angelegenheiten spricht, als ginge es um ein Steuerverfahren – dennoch taugt der Mann, der mit seiner Augenklappe wie das Hollywoodklischee eines Bösewichts aussieht und vollkommen vom Gedanken an Geld besessen ist, nicht als alleiniger Buhmann in dieser komplexen Geschichte.

Verletzungen und Leid scheinen von jeder Generation in die nächste weitergetragen zu werden, die immer gleichen Beziehungsprobleme ziehen sich als Muster durch die Familiengeschichte. Rothlaender versucht diesem Teufelskreislauf durch Reflexion und Auseinandersetzung zu entkommen: Dem trügerischen Wohlstand, den netten Lächeln und den lieben Worten, die den Umgang der Familienmitglieder an der Oberfläche ausmachen, setzt er eine kritische Selbstbespiegelung, den aufrichtigen Wunsch nach Verständnis sowie ein unerschrockenes Nachfragen entgegen – auch und gerade dann, wenn es schmerzt.

"Familie haben" ist ein mitunter erschreckender Film. Er erzeugt seine Schrecken allerdings nicht durch eine sensationalistische Darstellung von menschlichen Extremen, sondern erfährt sie im Gegenteil in der nüchternen Betrachtung ganz alltäglicher Abgründe. Ehrlich, klarsichtig und fernab einer Nabelschau berichtet Jonas Rothlaender vom Ringen um Selbsterkenntnis und Akzeptanz.

Fazit: Fernab einer Nabelschau begibt sich der Filmemacher Jonas Rothlaender mit "Familie haben" auf eine psychoanalytische Spurensuche, um die konfliktreiche Geschichte seiner Familie aufzuarbeiten. Selbstkritisch und klarsichtig dringt er dabei immer tiefer vor und legt erschreckend alltägliche Abgründe des menschlichen Miteinanders offen.




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