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Kritik: Limbo (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

"Limbo" ist der erste Spielfilm der Regisseurin Anna Sofie Hartmann, die in Berlin studiert. Sie wuchs in der dänischen Hafenstadt Nakskov auf, in der auch die Handlung des Films spielt. Wichtiger aber als die erzählte Geschichte selbst ist die Atmosphäre, in der die Schülerin Sara und ihre Freundinnen leben, und ihr Einfluss auf das Selbstverständnis der Heranwachsenden. Der impressionistische Film wirkt sehr verhalten und experimentiert mit dem Geheimnisvollen, Bruchstückhaften. Er bekam der Preis des Verbands der deutschen Filmkritik beim Achtung-Berlin-Festival 2015.

Sara setzt sich intensiv mit der Frage auseinander, was es heißt, eine Frau zu sein. Sollen in Zukunft Männer für sie wichtiger werden als ihre Freundinnen? Zu welchem Geschlecht fühlt sie sich körperlich hingezogen, wem möchte sie gefallen, wenn sie sich Locken drehen lässt für den Besuch in der Disko? Die neue junge Lehrerin, die mit der Klasse Theater spielt und über Genderrollen diskutiert, imponiert ihr sehr. Sara hilft ihr beim Streichen der neuen Wohnung und unterhält sich im üblichen, beiläufigen Ton mit ihr. Dann aber glaubt sie, sich in Karen verliebt zu haben. Karen versteht Sara nicht mehr, vor allem, weil sie ihr plötzlich aus dem Weg geht. Zunächst folgt der Film lange Saras Perspektive, dann aber stellt er Karen in den Mittelpunkt. Dabei kommt er den Charakteren nur für kurze Zeit nahe. Etwas geschieht mit ihnen, sie befinden sich auf einem Weg, den sie aber selbst nicht richtig erkennen. Dieses Geheimnisvolle verleiht der sehr lakonischen, wortkargen Geschichte eine gewisse Spannung.

Immer wieder wirkt die Geschichte so authentisch, als handele es sich um einen Dokumentarfilm. Die Kamera folgt versonnen den Schuljungen, die auf den Rädern auf dem Heimweg von der Schule ihre Runden drehen. Sie beobachtet die Atmosphäre auf dem nächtlichen Stadtplatz, ein Fußballspiel der Mädchen bei Flutlicht. Es gibt Aufnahmen aus einem fahrenden Zug oder Auto, auf den Hafen, die Fabrik, die Häuser, die Felder. Oder die Kamera betrachtet die vielen Lastwagen, die ihre Zuckerrüben auf dem Gelände der Fabrik abladen. Das wichtigste Stilmittel ist der Schnitt, der oft den Erwartungen zuwiderläuft. Er durchbricht die Linearität der Erzählung und führt zu Szenen, in denen keine Person im Mittelpunkt steht, oder zumindest keine, um die es vorher noch ging. Es entsteht ein Eindruck von Verlorenheit in dieser Stadt, in der es außer der Schule für die Jugendlichen wenig Platz zu geben scheint. Der ungewöhnliche Film wirkt selbst, als bliebe er lieber auf der Durchreise, als sich dort niederzulassen.

Fazit: Als studentischer Debüt-Spielfilm pendelt "Limbo" experimentierfreudig zwischen Teenager-Drama und dokumentarisch anmutenden Impressionen aus einer dänischen Hafenstadt. Vor allem beim Schnitt beschreitet die Regisseurin neue Wege und lässt die Orientierung in der spärlichen Handlung zur intellektuellen Herausforderung werden.




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