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Der Junge und die Welt
Der Junge und die Welt
© Grandfilm

Kritik: Der Junge und die Welt (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Kurz vor Jahresende startet ein Animationsfilm aus Brasilien in den deutschen Kinos, der gemeinsam mit einer britischen und einer US-amerikanischen Produktion zu den herausragenden 2015 gehört. Wie "Shaun das Schaf" braucht der Film keine Worte. Und wie "Alles steht Kopf" erzählt auch "Der Junge und die Welt" von einer heilen Kindheit, die erste Risse bekommt. Doch während die US-Produktion vermittels am Computer entworfener 3D-Bilder in den Kopf ihrer Protagonistin eintaucht und deren Innenleben nach außen kehrt, begleitet der brasilianische Film seinen kleinen Titelhelden mit reduziertem Strich durch eine zweidimensionale Welt, in der die Außen- stets auch Innensicht ist und umgekehrt.

"Der Junge und die Welt" schaut aus, als ob ein Kind in einen Kasten voller Buntstifte gegriffen und einfach drauf losgekritzelt hätte. Die Menschen sind Strichmännchen mit zu großen Köpfen. Jede Schraffur ist sichtbar. In ihren Augen, schmal wie Münzschlitze, schlummern alle Emotionen. Denn einen Mund, an dem man ihren Gemütszustand ablesen könnte, besitzen sie nicht. Sie brauchen aber auch keinen. Schließlich brabbeln die Erwachsenen nur unverständliches Kauderwelsch.
Es ist eine Welt, in der sich Realität und Fantasie vermischen. Maschinen tragen Gesichter, Töne fliegen wie bunte Wattebäusche durch die Luft. Der Protagonist scheint so leicht, dass ihn der Wind ergreift und in die Wolken hebt.
Hier spiegelt die Form den Inhalt. Der Stil, der zum Leben erweckten Kinderzeichnungen gleicht, ist nicht nur eine ästhetische Entscheidung des Regisseurs, sondern auch die Visualisierung der Erzählperspektive. Der Zuschauer sieht die Welt durch Kinderaugen.

Dabei verhandelt der Film durchaus erwachsene Themen. "Der Junge und die Welt" erzählt von Gegensätzen: vom Leben auf dem Land und dem in der Stadt, vom Sozialismus und vom Kapitalismus, von der Liebe zur Natur und vom Raubbau an ihr, von der Kindheit und vom hohen Alter. All das vermittelt Regisseur Alê Abreu ohne Worte in simplen, aber wunderschönen Bildern, die die Zuschauer in Südamerika ebenso begreifen wie die in Afrika oder Asien. Nur einmal, gegen Ende misstraut Abreu seiner Animation, wenn die Zeichnungen für einen Moment realen Aufnahmen von Umweltzerstörungen weichen.

Kinder mögen nicht alle Bezüge und Zusammenhänge erfassen, diesen Film werden sie dennoch nicht so schnell vergessen – schon deshalb, weil sein Stil aus der breiten, vom Kinderprogramm gewohnten Masse so heraussticht. Den Eltern bietet sich eine zweite und dritte Ebene, freilich nicht so ironisch, nicht so locker und leicht wie bei "Alles steht Kopf" oder bei "Shaun das Schaf", dafür umso poetischer.

Fazit: "Der Junge und die Welt" kommt ganz ohne Worte aus, denn er erzählt eine universelle Geschichte mit universell verständlichen Bildern. Der außergewöhnliche Zeichenstil und die anrührende Geschichte machen den Animationsfilm zu einem der besten des Jahres 2015.





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