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Rabbi Wolff
Rabbi Wolff
© Salzgeber & Co

Kritik: Rabbi Wolff (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

William Wolff hat schon als Kind eine klare Vorstellung, was er später einmal werden will: Journalist oder Rabbiner. Am Ende ergreift er beide Berufe, einen nach dem anderen. Als er im Alter von 53 Jahren seine Ausbildung zum Geistlichen beginnt, hat er bereits eine steile Karriere und jede Menge Umwege hinter sich. 1927 in Berlin geboren, flieht William 1933 mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten nach Amsterdam, sechs Jahre später nach England. Dort begleitet er als Parlamentsreporter das politische Geschehen. Mit 75 Jahren kehrt er schließlich nach Deutschland zurück: als Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern. Sein Häuschen im englischen Henley-on-Thames gibt er dafür freilich nicht auf. Einmal in der Woche pendelt der rüstige Rabbi von der Themse nach Schwerin, Rostock und Wismar, wenn er nicht gerade Verwandte in Jerusalem besucht, in Ascot beim Pferderennen wettet oder in Bad Pyrmont fastet.

Regisseurin Britta Wauer ist ein kleines Kunststück gelungen. Obwohl ihr Dokumentarfilm um eine einzige Person kreist, ist er keine Minute zu lang oder gar langweilig. Ihr Protagonist ist ein Glücksgriff für Wauer und das Kino. Wenn William Wolff sein leinwandfüllendes Grinsen aufsetzt, überträgt sich seine Lebenslust unweigerlich auf das Publikum. Dieser kleine, vitale Mann, der mit Anzug, Hut und Plastiktüten irgendwo zwischen jüdischem Komiker, englischem Gentleman, deutschem Intellektuellen und kreativem Messie changiert, lässt keinen Zuschauer ungerührt. Wolffs unverkrampfter Umgang mit der Religion, deren Regeln dem Menschen dienen sollten und nicht umgekehrt, ist im Kreise seiner orthodoxen Verwandtschaft ungemein erfrischend. Sein Humor und seine pragmatische Weltsicht sind mehr als einmal entwaffnend.

Britta Wauer konzentriert sich ganz auf ihren Protagonisten. Auf einen Kommentar aus dem Off verzichtet sie, begleitet Wolff stattdessen stumm in seinem Alltag, hört dem Rabbiner und dessen Weggefährten zu, lauscht sich Weisheiten vom Leben ab. Musik kommt nur da zum Einsatz, wo unbedingt nötig. Das nur spärlich verwendete Archivmaterial wird Teil der Narration, wenn der Protagonist es vor laufender Kamera betrachtet. Eine kluge Montage fügt all diese Versatzstücke eines Lebens zu einem schillernden Mosaik zusammen.

Wolffs Weltläufigkeit hat einen tragischen Kern. In der Rückschau erscheinen ihm seine frühen Jahre "einsam und zerspalten". Nicht zuletzt um diesem Gefühl entgegenzuwirken, bereist er mindestens einmal im Jahr die Stätten seiner Kindheit. In seinen deutschen Gemeinden trifft er schließlich auf andere Unerwünschte. Fast 100 Prozent der Mitglieder sind Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die ihren Glauben nach der Wende erst wieder erlernen mussten. Zum besseren Verständnis lernt Rabbi Wolff mit Mitte 80 Russisch. Eine Sprache mehr oder weniger macht dem Polyglotten nichts aus. Doch die kulturelle ist höher als die Sprachbarriere. Rabbi Wolff trägt es mit Humor, seine Gemeindevorsteher mit einer Prise Fatalismus. Entmutigen lässt sich William Wolff aber auch davon nicht und entlässt die Zuschauer mit der Zuversicht, wie der Rabbi künftig nur noch das zu tun, was im Leben Spaß bereitet.

Fazit: Belanglose Dokumentarfilme über Prominente gibt es genug. Zeit sich "Rabbi Wolff" anzusehen: das Porträt eines einfachen Mannes, dessen Persönlichkeit auf der großen Leinwand umso mehr schillert. Ehrlichkeit, Witz und Pragmatismus des Protagonisten sind gleichermaßen herzerwärmend wie entwaffnend.




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