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Kritik: Neukölln Wind (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Es ist nicht leicht, die Handlung dieses schwebeleicht mäandernden Films zu entschlüsseln. In den Erzählschleifen, die Realität und Traum verknüpfen, geht es im Prinzip um das Lebensgefühl im Berliner Stadtteil Neukölln, der sich rasant verändert: Hässliche Betonruinen werden abgerissen, um Platz für teure, schicke Domizile zu schaffen. Die angestammten Bewohner müssen schauen, wo sie bleiben und versuchen mit unterschiedlichem Erfolg, eine Brücke zwischen Gestern und Morgen zu schlagen. "Eine Gruppe junger Menschen ist auf der Suche nach dem 'Geist von Neukölln' und nach sich selbst", heißt es in der Inhaltsangabe des Verleihers. Der israelische Regisseur Arsenny Rapoport tastet sich differenziert und nachdenklich an dieses schwierige Sujet heran. Das Ergebnis ist ein melancholischer, essayistischer Film, der wie eine Studie über Einsamkeit und Verlust anmutet.

Die verschiedenen Charaktere müssen sich entscheiden, ob sie sich an die kapitalistische Leistungsgesellschaft anpassen, oder sich als Widerständler begreifen, für die es in der schönen neuen Welt keinen Platz zu geben scheint. Kale stellt offenbar den personifizierten Charakter Neuköllns dar: ein Kind des alten Viertels, das sich auf die Seite der Verwerter geschlagen, dabei aber seinen Seelenfrieden verloren hat. Frederik fungiert nicht nur als alternativer Stadtführer für den Touristen, sondern auch als Kales mahnendes Gewissen. Die Künstlerin weiß noch nicht, welche Rolle ihr die Makler im Prozess der Gentrifizierung zugewiesen haben: Sie soll ein leerstehendes Haus bewohnen dürfen, damit es aufgewertet wird – wo Künstler wohnen, wollen bald auch solvente bürgerliche Mieter einziehen. Dann gibt es die Streunerin (Alex Anasuya), die ihr Recht auf Alleinsein, auf die schweigende, in sich gekehrte Autonomie, mit rüden Worten verteidigt. Auch sie verkörpert wohl einen Aspekt der Berliner Mentalität, und vielleicht ebenfalls den hilflosen Rückzug der alternativen Jugend von einst ins Private.

Die Handlung folgt den Charakteren, deren Wege sich kreuzen, auf nichtlinearen Pfaden. Die Nacht nimmt mit ihren ruhelos Suchenden breiten Raum ein. Zwischendurch gibt es mit dezenter Musik unterlegte Bilder vom Leben auf den Straßen. Auch der inzwischen verstorbene, im Kiez wohlbekannte Obdachlose Shmittie hat einen Kameraauftritt. Zwischen Wohnungslosen und Gutverdienern, Gebäuderuinen und Nobelarchitektur scheint das Viertel seinen Geist, seine Mitte noch lange nicht gefunden zu haben. Besser als ein Dokumentarfilm über Stadtplanung es könnte, ruft dieser ungewöhnliche Spielfilm in Erinnerung, dass eine lebendige Stadt architektonische Schutzräume braucht.

Fazit: Lebt der alte Geist des Berliner Viertels, in dem die Gentrifizierung in vollem Gange ist, noch? Die Antwort, die dieser melancholische, versponnene Film gibt, ist zu kompliziert für ein simples Ja oder Nein. Ein auch stilistisch interessanter Essay über sozialen Wandel, der nachdenklich stimmt.




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