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Wer ist Oda Jaune?
Wer ist Oda Jaune?
© Real Fiction

Kritik: Wer ist Oda Jaune? (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Auf den ersten Blick bekommt man die Gemälde und deren Malerin nur schwer zusammen. Da steht dieses zarte Wesen mit der zerbrechlichen Stimme vor großformatigen Leinwänden, auf die sie mit ihrem Pinsel (alp-)traumhafte Szenarien rigoroser Fleischlichkeit wirft. Je länger Kamilla Pfeffers Dokumentarfilm dauert, je weiter sich die Regisseurin ihrem Objekt annähert, desto mehr fügen sich diese Künstlerin und ihre Kunst jedoch zu einem stimmigen Gesamtbild. Beide verströmen bis zuletzt etwas Rätselhaftes.

"Wer ist Oda Jaune?" ist kein klassisches Porträt, das sich für die Lebensgeschichte und deren Einfluss auf den künstlerischen Werdegang interessiert. Zwar gewährt Oda Jaune kurze Einblicke in ihre Kindheit und ihre Beziehung mit Jörg Immendorff, im Mittelpunkt des Films steht jedoch die Kunst und deren Entstehung. Keine unnötigen Archivaufnahmen, keine biografischen Eckdaten verstellen den Blick. Das zweiköpfige Filmteam stellt sich hingegen schnell als größtes Hindernis heraus. Oda Jaune ist gehemmt, irritiert, hat das Gefühl, in Anwesenheit anderer nur mit zehn Prozent bei der Arbeit zu sein. Pfeffer behilft sich mit einem Fragebogen, platziert die Malerin vor einem schwarzen Hintergrund und lässt sie ungeschminkt ihre Gedanken über die Kunst und ihr Innenleben äußern. Im Hintergrund klingt immer wieder eine Variation von Edvard Griegs "Solvejgs Lied" an; ein indirekter Verweis auf die Herkunft von Jaunes Künstlernamen.

Die kindliche Stimme, mit der Oda Jaune ihre Antworten mehr haucht als spricht, kann einem schnell auf die Nerven gehen. Auf viele mag das aufgesetzt wirken. Angesichts der Tatsache, dass Jaune keine Freude am Erwachsenwerden hatte, die von der Natur erzwungenen Veränderungen des menschlichen Körpers in der Pubertät als "brutal" empfindet und sich mit Mitte 30 noch wie eine Zehnjährige fühlt, wirkt sie letztlich doch authentisch – und bietet ganz nebenbei einen möglichen Schlüssel zu ihrem Werk.

Auch wenn es Oda Jaune schwerfällt, den Entstehungsprozess ihrer Bilder in Worte zu fassen, gewähren ihre Gedanken einen intimen Einblick in ein Künstlerleben. Die Interpretationsansätze Außenstehender sind mal mehr (Lars Eidinger, Anouk Martini), mal weniger (Thomas Ostermeier, Jonathan Meese) erhellend, verleihen dem Dokumentarfilm aber eine geschlossene Struktur. Am beeindruckendsten bleiben allerdings die Momente, in denen die Kamera Oda Jaune bei der Arbeit über die Schulter blickt. Dann dominieren die Pinselstriche die Tonspur, wird die Malerei auch zu einem akustischen Erlebnis. Gebannt sieht man zu, wie Körper ohne Skizzen und Modelle, nur aus der Vorstellung der Künstlerin aus ihrem Pinsel fließen – und man fragt sich unweigerlich, was Oda Jaune auf die Leinwand zauberte, wäre sie mit 100 Prozent bei der Sache.

Fazit: "Wer ist Oda Jaune?" ist die behutsame Annäherung an eine rätselhafte Malerin und ihre rätselhaften Gemälde. Kamilla Pfeffers Porträt besticht durch seine strenge Form und das Gefühl, eine Künstlerin und deren Kunst nach dem Kinobesuch etwas besser zu verstehen.




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