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Die Tragödie der Belladonna
Die Tragödie der Belladonna
© Rapid Eye Movies

Kritik: Die Tragödie der Belladonna (1973)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Im Rahmen einer Wiederaufführung alter Klassiker bringt der auf gewagtes asiatisches Kino spezialisierte Kölner Verleih Rapid Eye Movies den japanischen Animationsfilm "Die Tragödie der Belladonna" von 1973 - frisch restauriert und in 4K - erneut in unsere Lichtspielhäuser. Ich spreche an dieser Stelle ganz bewusst von einem Animationsfilm - und nicht von einem Animé - da sich der Film von seiner visuellen Seite her weit mehr an westliche Kunsttraditionen anlehnt, als dass er den gängigen Vorstellungen eines japanischen Animationsfilms entsprechen würde.

Ganz genau: Westliche KUNST-Traditionen! "Die Tragödie der Belladonna" ist die psychedelische 1970er-Version erotischer Jugendstilklassiker von Gustav Klimt bis Egon Schiele. Dies passt zur Verortung der Geschichte in einem Europa zwischen Hexenverfolgung und Vorwehen der Französischen Revolution. Hierbei verarbeitet der Filmemacher Eiichi Yamamoto auf inhaltlicher Ebene Elemente aus dem Leben der Jeanne d’Arc und dem Buch "Die Hexe" des Historikers Jules Michelet von 1862, welcher die Hexenverfolgung als eine Form der gezielten Unterdrückung von Frauen betrachtet.

Eindeutig europäisch - und keineswegs japanisch - sehen im Film nicht nur die Protagonistin Jeanne, sondern auch sämtliche weiteren Figuren aus. Ein Großteil der Bilder besteht zudem aus kunstvollen Aquarellen - und nicht aus den üblichen animierten Comix. Was den Film jedoch noch weit mehr von einem typischen Animé abhebt, ist die große Experimentierfreude bei den eingesetzten Animationstechniken:

Das erste Drittel der Laufzeit besteht zum größten Teil nicht aus animierten, sondern aus vollkommen statischen Bildern, bei denen sich lediglich die über sie drüberfahrende Kamera bewegt. Im zweiten Drittel bewegen sich dann zusätzlich einzelne Elemente innerhalb der statischen Bilder und immer mal wieder auch die Bilder an sich. Im letzten Drittel steigert sich "Die Tragödie der Belladonna" schließlich zu einem ekstatischen Bilderrausch voller grotesker Einfälle und hemmungslos übersteigerter Sexualität. Es wird gezoomt und überblendet, das Gesamtbild wird - wie bei der damals noch recht neuen Split-Screen-Technik - in eine Vielzahl an kleineren Bildern aufgeteilt, die in ihrer Größte an- und Abschwellen, wobei auch einzelne kleine Bilder vor schwarzem Grund erscheinen.

Doch nicht nur von seiner optischen Seite her bietet "Die Tragödie der Belladonna" ein äußerst außergewöhnliches und kunstvolles Erlebnis: Hinzu kommt der erstklassige, zwischen Free-Jazz und Psychedelic-Rock wechselnde Soundtrack von Masahiko Satô, der mit den Bildern zu einem spektakulären audiovisuellen Gesamtkunstwerk verschmilzt. - Und als ein solches sollte man den Film auch vorrangig genießen, denn rein inhaltlich bietet dieser Animationsfilm nicht mehr, als eine recht zeittypische krude Mischung aus wüstester Exploitation und einem mehr behaupteten, als glaubhaften "höheren Anspruch". Aber auch wenn "Die Tragödie der belladonna" letztendlich weit weniger feministisch sein mag, als der Film sich selbst gibt, so ändert dies nichts daran, dass es hier ein äußerst originelles Werk der Filmkunst wiederzuentdecken gilt.

Fazit: "Die Tragödie der Belladonna" ist kein klassischer japanische Animé, sondern ein sehr experimenteller und extrem ungewöhnlicher Animationsfilm aus Japan, der Wiener Jugendstilerotik mit wildester Psychedelik verbindet.




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