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Chasing Niagara
Chasing Niagara
© Studio Hamburg Enterprises GmbH

Kritik: Chasing Niagara (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 1 / 5

"Chasing Niagara" hat ein grundlegendes Problem: seine Produktionsbedingungen. Hier ist kein unabhängiger Dokumentarfilmer am Werk, der von außen einen (kritischen) Blick auf ein Thema wirft. Regisseur Rush Sturges ist nicht nur selbst in der Kajak-Szene aktiv und ein guter Freund seines Protagonisten Rafa Ortiz, sein Film wird auch von der Medienabteilung jenes österreichischen Brauseherstellers koproduziert, der Rafa Ortiz sponsert. Dementsprechend werbewirksam schiebt sich der Kanute wiederholt vor eine beeindruckende Landschaft. Irgendeine Mütze, einen Helm oder ein T-Shirt mit dem weltbekannten Logo trägt er dabei immer. Kaum eine Einstellung, in der die Firma nicht vertreten ist.

Diese Schleichwerbung ist zwar ärgerlich, das eigentliche Ärgernis ist jedoch die unreflektierte Präsentation einer lebensgefährlichen Sportart. Sturges entscheidet sich für einen an Dramatik kaum zu überbietenden Einstieg. Als Vorbereitung auf sein Wagnis trainiert Rafa Ortiz mit seinem Team an verschiedenen Wasserfällen auf dem amerikanischen Kontinent. Bei einer dieser Fahrten verunglückt sein Kollege Gerd Serrasolses. Mehr als drei Minuten bleibt er unter Wasser, bevor ihn der erste Retter erreicht. Dank der Helmkameras der Sportler erlebt das Publikum die Wiederbelebungsversuche hautnah, quasi aus Sicht des Verunglückten. Was auf dieses Drama folgt, lässt sich an Banalität jedoch kaum überbieten. Von "Angst", "Trauer" und "quälenden Gefühlen" ist die Rede. Die am Unfall beteiligten Protagonisten berichten davon aber so regungslos, als ob sie die Antworten einstudiert hätten.

Nicht die einzige Stelle, an der "Chasing Niagara" zu glatt und oberflächlich daherkommt. Über die atemberaubenden Aufnahmen – gern in Zeitlupe oder Zeitraffer – legt sich ein ums andere Mal Rafa Ortiz' Stimme, die aus dem Off reichlich prätentiöse Weisheiten zum Besten gibt. Von einer sein "Leben verändernden Reise" (drunter geht es freilich nicht) spricht er dann, vom Kajakfahren als "Lebenssaft" und "Kunstform", davon, wie das Wasser Rafa Ortiz zu dem geformt habe, der er ist, und davon, wie ihn während der Fahrt manchmal das Gefühl überkommt, in neue Bereiche vorzudringen, in denen Menschen eigentlich nichts zu suchen hätten. Genau hier versäumt es Rush Sturges sträflich, tiefer zu bohren und der Faszination, ja Obsession dieser Sportler für die Lebensgefahr auf den Grund zu gehen. Denn bei allen Sicherheitsvorkehrungen und Vorsichtsmaßnahmen, die "Chasing Niagara" minutiös aufzeigt, bleibt das Risiko enorm. Vielleicht liegt es ja daran, dass sich der Regisseur als Teil der Extremsport-Szene diese Frage zwangsläufig selbst stellen müsste.

Ein anderer Aspekt, der auf der Hand liegt, bleibt völlig außen vor. Hier stürzen sich keine Freizeitsportler in die Tiefe. Rafa Ortiz und seine Kollegen verdienen mit ihren waghalsigen Aktionen ihren Lebensunterhalt, konkurrieren um Sponsoren. Jede gelungene Fahrt ist auch ein Stück Selbstvermarktung. Inwiefern dieser Wettbewerbsdruck zu immer gefährlicheren Stunts führt, wird freilich in keinster Weise thematisiert. Da helfen dann auch all die weisen Einsichten nichts mehr, zu denen Rafa Ortiz am Ende seiner Reise gelangt. Angesichts der anhaltenden Kritik am Marketing des Brauseherstellers wirken sie wie Lippenbekenntnisse.

Was bleibt, sind teils wunderschön fotografierte Aufnahmen von Naturgewalten und von den Sportlern, die sich in jene stürzen. Aber selbst diese Bilder hat das für Extremsport interessierte Publikum – nicht zuletzt von derselben Produktionsfirma – schon besser gesehen, zumal die immer gleiche Kombination aus Vogelperspektive aus dem Helikopter und Blickwinkeln der Helmkameras auf Dauer recht eintönig erscheint.

Fazit: "Chasing Niagara" ist ein hochklassiges Werbevideo für eine Extremsportart und deren Hauptsponsor. Outdoor-Fans könnten auf ihre Kosten kommen. Mit unabhängigem, kritischem Dokumentarfilm hat dieses glattgebügelte Werk allerdings nichts zu tun.




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