VG-Wort

oder

FBW-Bewertung: Jugend ohne Gott (2016)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Die FBW-Jury hat dem Film das Prädikat besonders wertvoll verliehen.

Diese sehr freie Interpretation des gleichnamigen Romans vonÖdön von Horváth spielt in einer zukünftigen Gesellschaft, in der alles auf Zweckmäßigkeit ausgerichtet ist. Die ?Leistungsträger? leben in einer Luxuswelt, müssen dafür aber mit ständiger Überwachung und gnadenlosem Konkurrenzkampf existieren. Die ?Leistungsempfänger? sind in Slums verbannt und überleben dort in prekären und chaotischen Zuständen. Eine Gruppe von Schülern macht in einem Hochleistungscamp in den Bergen einen Wettbewerb, bei dem herausgefunden werden soll, welche Teilnehmer sich am besten für eine Ausbildung eignen, die ihnen Zugang zur Elite des Landessichern wird. Der Schüler Zach stellt als einziger dieses System der radikalen Aussonderung der Schwächeren in Frage. Die ehrgeizige Nadesh versucht, mit ihm eine Freundschaft zu beginnen, doch er ist mehr an der unangepassten Ewa interessiert, die mit einer Gruppe von Jugendlichen illegal in demWaldgebiet herumzieht und kleinere Diebstähle ausführt. Unter den Protagonisten, zu denen auch ein verständnisvoller, aber schwacher Lehrer und ein Schüler, der um jeden Preis gewinnen will, zählen, kommt es zu einer dramatischen Entwicklung, die zu einem gewaltsamen Tod und einer Gerichtsverhandlung führt.
Alain Gsponer erzählt diese Geschichte in mehreren Teilen jeweils aus der Perspektive eines der Protagonisten, sodass die Geschehnisse mehrfach, jeweils mit neuen, tieferen Bedeutungsebenen durchgespielt werden. Diese ungewöhnliche Erzählform sorgt zuerst für Irritation, doch spätestens nach der Hälfte des Films entwickelt die Dramaturgie dann doch eine beachtliche Sogwirkung. Geschickt werden Informationen vorenthalten, falsche Fährten gelegt und überraschende Plotwendungen aus dem Hut gezogen. So funktioniert der Film auf einer Ebene als spannender Thriller, der mit einer hochkarätigen Besetzung punkten kann, zu der einige der zurzeit interessantesten jungen deutschsprachigen Darsteller zählen. Und die dystopische Welt, in der JUGEND OHNE GOTT spielt, ist eine glaubwürdige Weiterführung von aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich haben sich extrem vergrößert und die Menschen haben auf dem Arbeitsmarkt nur dann eine Chance, wenn sie sich ständig optimieren. Die Mittel ihrer digitalen Überwachung, u. a. durch fliegende Drohnen und implantierte Peilsender wären weitgehend schon mit der Technologie von heute möglich, und so unterscheidetsich diese Zukunft äußerlich kaum von unserer Gegenwart. Nur der Zerfall in den Wohngebieten der Armen wird mit drastischen Bildern illustriert, die wohl nicht zufällig an den Film BLADE RUNNER erinnern. Es gibt einige irritierend schöne Bildfindungen wie etwa ein Hinweisschild auf einer Autobahn, auf der nicht wie üblich Ortsnamen, sondern die Kürzel für die verschiedenen Bezirke einer Region stehen. Gsponer traut sich, von Horváths Roman radikal zu modernisieren, indem er einzelne Handlungsstränge und Motive daraus übernimmt und die gesellschaftskritischen Fragen, die der Autor 1938 angesichts der Entwicklung der Jugend im Dritten Reich stellte, im Kontext der modernen, digitalen Welt neu verhandelt. Dabei ist ihm ein intelligent konstruierter, packend erzählter undpolitisch provokanter Film gelungen.




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