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Kritik: Lotte (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Lotte (Karin Hanczewski) ist eine Zumutung – für ihre Umgebung und für den Zuschauer. Bei der Arbeit ist sie chronisch zu spät, im Privatleben immer auf dem Sprung. Impulsiv stolpert sie durch Berlins Straßen von Mann zu Mann und von Schlafplatz zu Schlafplatz, meist eine Bierflasche in der Hand. Sie tut, was ihr gefällt, egal was ihre Umwelt davon hält. Und wenn ihr etwas nicht passt, stapft sie einfach weiter. Der minderjährigen Greta (Zita Aretz) bringt Lotte das Rülpsen bei, animiert sie erst zum Rauchen, später zum Koksen und säuft schließlich mit ihr um die Wette. Im deutschen Kino sind solche Rollen meist Männern vorbehalten. Alleine deshalb ist "Lotte" sehenswert.

Karin Hanczewski spielt diesen egoistischen Lustmenschen und von der ersten Minute an ist sie ein Ereignis. Ein strenger Blick und ihre zu einem Strich erstarrten Lippen genügen, um Lottes Innenleben nach außen zu kehren. Davon gibt Hanczewski aber nie zu viel preis, denn unter Lottes rauer Oberfläche schlummert ein Geheimnis. Hanczewski schafft es aber auch, dass das Publikum mit dieser im Kern unsympathischen Figur sympathisiert. Denn trotz all ihrer Macken und Unzulänglichkeiten zeigt Lotte auch Mitgefühl, kümmert sich etwa liebevoll um Greta, wenn auch auf ihre ganz eigene Art.

Es ist Regisseur, Autor und Produzent Julius Schultheiß zu verdanken, dass es diese kraftvolle, rigorose, oft kompromisslose Frauenfigur auf die große Leinwand geschafft hat. Mithilfe eines geplünderten Bausparvertrags und Crowdfunding hat er "Lotte" finanziert. Und es ist dem Verleih zu verdanken, dass diese kleine, aber feine Tragikomödie nach ihrer Premiere bei der Berlinale im Februar 2016 nun auch einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wird.

Schultheiß bleibt während seiner Erzählung dicht dran, lässt seinen Kameramann Martin Neumeyer die Protagonistin umkreisen. Dabei gelingen ihm immer wieder wundervolle Momente, etwa wenn Lotte mit Greta in einem Club tanzt und sich im Rausch über die elektronische Musik plötzlich Gustav Mahlers 5. Sinfonie legt. Da verzeiht man es Schultheiß auch, dass nicht alle Figuren so gut geschrieben sind wie seine Titelheldin und dass sich die Dramaturgie im letzten Drittel einfach in Luft auflöst. Dann sieht Schultheiß dem Leben, auch wenn eigentlich nichts (mehr) passiert, einfach beim Leben zu, bevor er seine Zuschauer in ein offenes Ende entlässt.

Fazit: "Lotte" überzeugt durch seine kraftvolle Hauptfigur und eine leichtfüßige Inszenierung, der gegen Ende jedoch deutlich die Luft ausgeht. Sehenswert ist das – allen voran dank Hauptdarstellerin Karin Hanczewski – aber allemal.




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