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Kritik: Es war einmal Indianerland (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Wir kennen es noch aus der eigenen Jugend, dieses "Gefühl sich aufzulösen, zersetzt zu werden in Moleküle und Atome", wie der 17-jährige Mauser (Leonard Scheicher) uns zum Auftakt aus dem Off wissen lässt. Nils Mohl hat dieses Gefühl 2011 zwischen zwei Buchdeckel gepackt. Sein ein Jahr später mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneter Roman beschreibt die Welt seines Protagonisten in knalligen Sätzen, schert sich nicht um Chronologie, greift wild vor und zurück. Regisseur Ilker Çatak hat Mohls pointierte Sprache mit dem Schriftsteller als Koautor in ebenso zugespitzte Bilder übersetzt, wie wir sie viel zu selten im deutschen Film sehen.

Çatak traut sich viel in seinem Spielfilmdebüt. Mohls verkürzter, anspielungsreicher Stil strahlt als greller Mix aus selbstreflexiver Erzählerstimme und rotzigen formalen Mitteln von der Leinwand in den Kinosaal. Detailaufnahmen wechseln mit Superzeitlupen, Zooms und schnellen Schnitten. Die Namen der Hauptfiguren, der Countdown bis zum entscheidenden Boxkampf und Mausers Küsse Nummer eins, zwei und drei erscheinen als bunte Einblendungen. Filme von Jean-Luc Godard über Stanley Kubrick bis Wes Anderson werden munter, aber unverkrampft zitiert. Ab und an schleichen sich Mausers Gedanken nach einem Umschnitt unvermittelt in die Einstellung. Und wie der Roman spult auch der Film ungeniert vor und zurück.

Das ist nicht neu und fühlt sich doch frisch an – vor allem deshalb, weil im deutschen Kino die Welle erzählerisch und visuell verspielter Filme nach internationalem Vorbild ab Ende der 1990er-Jahre schnell wieder abebbte. "Es war einmal Indianerland" sieht aber nicht nur umwerfend aus; nicht zuletzt dank Florian Mags wunderbarer Bildgestaltung und Tim Tamkes simplem, aber farbdramaturgisch klug gestaltetem Szenenbild. Çataks Coming-of-Age-Roadmovie überzeugt auch durch viel Witz, Einfallsreichtum und Schauspieler, die wie die Dialoge zu jeder Zeit authentisch rüberkommen. Das beschert uns eine herrlich verrückte Liebesgeschichte, in der selbst Sätze wie "Sag mal, hast du 'ne Bohrmaschine?" romantisch klingen.

Fazit: Regisseur Ilker Çatak glückt mit seinem Spielfilmdebüt ein Coming-of-Age-Film, der gelungen zwischen Drama, Liebesgeschichte und Roadmovie balanciert. Erzählerisch und visuell verspielt, macht "Es war einmal Indianerland" keinen Hehl aus seinen Vorbildern, bewahrt sich aber stets seinen eigenen Ton. Davon darf es im deutschen Kino künftig gern mehr sein.





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