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Kritik: Diego Maradona (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Asif Kapadia, 1972 im Londoner Stadtbezirk Hackney geboren, widmete sich nach seinem Filmstudium am Royal College of Art zunächst fiktionalen Stoffen, was er bis heute verfolgt. Jüngst zeichnete er als Regisseur für zwei Episoden der Netflix-Serie "Mindhunters" verantwortlich. Seine größten Erfolge feierte Kapadia aber im Dokumentarischen. Nach dem mehrfach preisgekrönten "Senna" (2010) über die gleichnamige brasilianische Rennfahrlegende und dem oscarprämierten "Amy" (2015) über die britische Sängerin Amy Winehouse knöpft sich Kapadia nun den argentinischen Fußballweltmeister Diego Maradona vor – und beweist erneut, dass hinter seinen dokumentarischen Porträts ein großer Geschichtenerzähler steckt.

Abermals liefert Kapadia keine Dokumentarfilm-Stangenware ab. Klassische Interviewsituationen sucht man in "Diego Maradona" ebenso vergebens wie den üblichen Overkill an Weggefährten und Experten. Zudem spannt Kapadia nicht den großen, das gesamte bisherige Leben des Fußballers überdeckenden Bogen, sondern beschränkt sich auf dessen Zeit beim SSC Neapel, für die er von 1984 bis 1991 die Fußballschuhe schnürte. Die Jahre in Italiens Serie A dienen Kapadia als Beispiel eines Sinnes- und Persönlichkeitswandels. Seinerzeit entwickelte sich der Protagonist von Diego, dem schüchternen Jungen aus dem Slum, der im zarten Alter von 15 Jahren durch seinen Erfolg bereits seine Eltern und Geschwister ernährte, immer mehr zur Kunstfigur Maradona, die seither das ehemals positive Bild dieses Ausnahmesportlers komplett überlagert.

Trotz einer stattlichen Länge von 130 Minuten wird einem dieser Dokumentarfilm niemals lang. Ganz im Gegenteil: "Diego Maradona" ist ein klug strukturierter, kunstvoll montierter Bilderrausch. Ein dokumentarischer Gedankenstrom, währenddessen die wenigen Gesprächspartner, darunter Maradona selbst, (selbst-)kritische Analysen aus dem Off vortragen, ohne selbst im Bild aufzutauchen.

Spannend wie ein Krimi und mitfühlend wie ein Drama rekonstruiert Kapadia den kometenhaften Aufstieg und den tiefen Fall eines Jahrhundertkönners. Die mitunter faszinierenden Archivaufnahmen sagen auch immer etwas über unsere Gegenwart aus, etwa über das Verhältnis von Sport und Politik, über die Scheinheiligkeit der Fanliebe, über das Nord-Süd-Gefälle Italiens oder – wenn Maradona unter haarsträubenden Sicherheitsvorkehrungen den Fans in Neapel präsentiert wird – über die Professionalisierung und Kommerzialisierung des Fußballs.

Eine ähnlich guten Dokumentarfilm über die schönste Nebensache der Welt muss man lange suchen. Aljoschau Pauses "Tom Meets Zizou" (2011), der seinem Protagonisten menschlich ebenso nahekommt, "The Two Escobars" (2010), der das Private ebenso versiert mit dem Politischen verschränkt, oder "Referees at Work" (2008), der sein Ausgangsmaterial ähnlich klug einsetzt, kommen einem spontan in den Sinn. An die Virtuosität von "Diego Maradona" reicht keiner heran.

Fazit: Nach Rennfahrer Ayrton Senna und Sängerin Amy Winehouse widmet Asif Kapadia seinen nächsten Dokumentarfilm dem Jahrhundertfußballer Diego Maradona. Kapadias mehr als zweistündiger Bilderrausch ist ein klug strukturierter, kunstvoll montierter dokumentarischer Gedankenstrom, dem es gelingt, den Menschen hinter der Ikone zu zeigen.




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