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FBW-Bewertung: Die dunkelste Stunde (2017)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Vielleicht liegt es ja an den unruhigen Zeiten, in denen wir leben, an Politikern wie Donald Trump oder an den Verletzungen, die das Brexit-Votum der britischen Seele zugefügt haben, dass in jüngster Zeit gleich mehrere Filme an den großen Staatsmann Winston Churchill und die glorreiche Schlacht um England erinnern. Mit Joe Wrights DIE DUNKELSTE STUNDE könnte sich der Stoff nun sogar in Richtung der ?Road to the Oscars? bewegen - das Zeug dazu hätte er aufjeden Fall.

DIE DUNKELSTE STUNDE ist kein Biopic im herkömmlichen Sinne, sondern zeigt Churchill lediglich in einem kurzen Ausschnitt seines langen politischen Lebens. Und dies ist nicht nur die dunkelste Stunde des Landes, sondern führt auch den gewieften Politiker Winston Churchill an die Grenzen seiner Belastbarkeit: Nachdem der bisherige Premierminister Neville Chamberlain aufgrund katastrophaler Fehleinschätzungen zum Verlauf des Krieges den Rückhalt des Parlaments und der Bevölkerung verloren hatte, übernahm Churchill am 10. Mai 1940 die Amtsgeschäfte - just an jenem Tag, als das Deutsche Reich den Westfeldzug gegen Luxemburg, Belgienund die Niederlande begann. Knapp einen Monat später erfolgte der Einmarsch in Frankreich, der schließlich zur Einkesselung des britischen Expeditionskorps führte. Und es war vor allem Churchill zu verdanken, dass die Evakuierung der mehr als 300.000 Mann starken Truppe gelang. Mit viel Mut zur Wahrheit und ehrlichen Worten, die die Bevölkerung auf die kommende Zeit einschwören, gelingt dem anfangs wenig beliebten Politiker schließlich die Wende. Die allerdings ist auch dringend nötig, denn die Invasion Großdeutschlands auf der britischen Insel scheint angesichts der drückenden Übermacht der deutschen Wehrmacht nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Abermals erweist sich Joe Wright in seinem neuen Werk vor allem als Meister der Raumgestaltung. Und dabei ist es völlig egal, ob er die Räume der Houses of Parliament durchmisst, mit Churchill auf einen Abstecher in die Londoner Tube verschwindet, wo der Staatsmann auf einem Querschnitt seiner Landsleute trifft, oder ob die Kamera von Bruno Delbonnel für einen kurzen Moment bei den Eingeschlossenen von Dünkirchen verweilt.

Trotz Wrights Neigung zum ganz großen Kino, das deutlich sichtbar in Richtung Oscars schielt und dem herausragenden Gary Oldman eine Nominierung als bester Hauptdarsteller einbringen sollte, zeichnet der Film aber kein überlebensgroßes Bild von Churchill, sondern betont insbesondere zu Beginn auch die vielen Schwächen des Staatsmannes. Dieser wird immer wieder von heftigen Zweifeln geplagt, die er nicht selten seine Umwelt spüren lässt - wie etwa zu Beginn, wenn er die neue Sekretärin mit herrischer Attitüde und dem Dünkel eines Angehörigen der Oberschicht schnöde zurechtweist.

Diese ambivalente Figurenzeichnung ist aber kein reiner Selbstzweck, sondern reflektiert durchaus die Haltung derÖffentlichkeit gegenüber dem früheren mehrmaligen Minister, die sich die Zuneigung der Briten in schweren Zeiten erst mit seinen mitreißenden Reden erarbeiten muss.

Filmisch zieht DIE DUNKELSTE STUNDE alle Register und zeigt neben Wrights Hang zum epischen Erzählkino auch Momente der Stille und des Privaten, die ein vielschichtiges Porträt eines großen Politikers und fehlbaren Menschen zeichnen, dessen Qualitäten man als Zuschauer erst mit der Zeit zu schätzen lernt.

Gerade angesichts dieser Schwierigkeiten aber ist DIE DUNKELSTE STUNDE nicht nur als filmische Biographie und period piece zu lesen, sondern ragt durchaus in unsere Gegenwart hinein. Churchills Standhaftigkeit und Prinzipientreue erscheinen heute als beispielhaft und sein Eintreten gegen das Schreckgespenst des Faschismus ist heute dringender denn je gefordert.




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