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Tiger Girl
Tiger Girl
© Constantin Film

Kritik: Tiger Girl (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Tiger Girl" ist die neue Arbeit des German-Mumblecore-Maestros Jakob Lass. Mit "Love Steaks" sorgte der Filmemacher im Jahre 2013 für ein willkommenes kleines Beben in der deutschen Kinolandschaft: Die klischeefreie Liebesgeschichte zwischen einem linkischen Masseur und einer angehenden Köchin in einem Luxushotel an der Ostsee war zugleich authentisch und kunstvoll – und wurde ganz ohne Fördergelder realisiert. Diesmal tat sich Lass mit dem großen Produktions- und Verleihunternehmen Constantin Film zusammen – dennoch hat sein Schaffen nichts von seiner Wildheit verloren: Auch "Tiger Girl" entstand nach dem sogenannten FOGMA-Manifest; mit seinen vier Co-Autor_innen entwickelte der Regisseur ein "Skelettbuch", welches während des Drehs als Grundlage für das improvisierte Spiel vor der Kamera diente. Wie schon in "Love Steaks" interagieren professionelle Akteur_innen mit Laiendarsteller_innen – etwa mit dem strengen Ausbilder an der Sicherheitsdienst-Schule. Das Ergebnis ist wunderbar enthemmt – und zeigt uns ein surreales, aber überaus treffendes Bild der deutschen Hauptstadt.

Die beiden jungen Frauenfiguren, die im Zentrum der Handlung stehen, gehören ohne Zweifel zu den interessantesten Charakteren, die man in den letzten Jahren auf der Leinwand erleben durfte: Die wehrhaft-forsche Tiger, die in einem Kleinbus wohnt und ihren höchst individuellen Regeln folgt, wird von Ella Rumpf mit einer mitreißenden Energie verkörpert. Und Maria Dragus ("Das weiße Band") liefert als Maggie alias Vanilla eine äußerst fulminante Leistung: Die anfangs schüchterne Heranwachsende wird dank Tiger zunehmend selbstbewusster – bis "die Schülerin" in ihrer Radikalität sogar ihre "Lehrerin" übertrifft und keinerlei Grenzen mehr kennt, sondern einfach nur noch ohne jede Rücksicht "irgendwas Geiles" machen will. Dragus lässt zu, dass man als Zuschauer_in durchaus die Sympathie für ihre Protagonistin verliert – und genau in diesem Mut liegt die Stärke von "Tiger Girl". Es geht nicht darum, gefallen zu wollen, sondern von Zorn und Aggression, Kampf und Eskalation zu erzählen.

Schön ist, dass das "Love Steaks"-Duo Franz Rogowski und Lana Cooper in Nebenparts (wenn auch nicht in gemeinsamen Szenen) zu sehen ist. Die beiden sind Teil eines in sämtlichen kleinen und großen Rollen spielfreudigen Ensembles; hinzu kommen die herrlich-punkige Musik (etwa von der Berliner Elektropop-Band Grossstadtgeflüster) und eine immer wieder originelle Bildsprache, die eine Lust am Assoziativen und Unkonventionellen erkennen lässt.

Fazit: Ein filmgewordener entgegengestreckter Mittelfinger, ein ordentlicher Fausthieb mit den Mitteln des Kinos – und eine Feier der Improvisationskunst. Das haut rein!




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