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FBW-Bewertung: Axolotl Overkill (2017)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Helene Hegemanns Adaption ihres Romans»Axolotl Roadkill« ist in erster Linie deshalb ein solch herausragender Film, weil er absolut kompromisslose Wege findet, um seine Figur mit allen zur Verfügung stehenden filmischen Mitteln zu erzählen. Der Film scheint sich auf erfrischende Art und Weise nicht um Erwartungen und Konventionen zukümmern, sondern bleibt in Form und Gestaltung radikal in der Filmemacherperspektive. Diese Form des konsequenten Independent-Films ist zur Zeit in Deutschland ein rares Gut: einer, der sich von Konventionen freimacht, ohne gleich mit ihnen brechen zu müssen, der sich jede moralische Freiheit nimmt, ohne gleich verletzen zu müssen, und der bei all dem immer genau weiß, was er erzählen möchte.
Wenn man so will, ist AXOLOTL OVERKILL ein Coming-of-Age-Film in dem Sinne, dass die 16jährige Protagonistin Mifti ihren Platz in der Welt sucht. Selten wurde so radikal das Versagen der Erwachsenen erzählt, die einer jungen Generation außer Konsumbesessenheit und Selbstverliebtheit nichts anzubieten hat, an das es anzudocken bzw. an dem es sich zu orientieren lohnte. Krank ist nicht das Mädchen, sondern ihre Gruppe an Bezugspersonen aus der Erwachsenenwelt.

Miftis Suche, ihre Verzweiflung und Wut sind fast körperlich spürbar im Film, und auch ihre defekte Wahrnehmung im Wahn der Partynächte überträgt sich direkt auf den Zuschauer durch eine teils nonlineare Erzählweise. Sämtliche filmische Mittel, wie hier und im gesamten Film die herausragende Montage, konzentrieren sich darauf, Ausdruck für Miftis Gemütszustand zu sein. Dieser formalen Konsequenz ist es sicherlich zu verdanken, dass es in keinem Moment des Films um eine Wertung geht, ob irgendwer Drogen nehmen darf oder nicht, ob Mifti verführt wird oder nicht, ob sie irre ist oder nicht ? all diese Ambivalenzen bedürfen keiner didaktisch motivierten Klärung, sondern verdichten sich zu einem enorm vielschichtigen und deshalb wunderbar gelungenen Porträt. Und das sprüht dazu vor lebendigen Einfällen: Da wird Jahrzehnte alter Soul-Funk über Clubszenen gelegt, Mifti im Clip-Style als einzig Überlebende eines Weltuntergangsinszeniert (wenn man so will eine Miniatur des gesamten Films), es wird der klassische Gangsterfilm zitiert sowie ohnehin in zahllosen Momenten die verrücktesten Bezüge und Verweise auf künstlerische und philosophische Vorbilder hergestellt. Und mittendrin Jasna Fritzi Bauer als Mifti, Herz undSeele des Films, Taktgeberin und emotionales Zentrum. Ein in jeder Hinsicht gelungener Film.




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