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Kritik: Certain Women (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Die US-Filmemacherin Kelly Reichardt ("Night Moves") hat in ihrer bisherigen Leinwand-Karriere eine überschaubare, aber äußerst beeindruckende Reihe von Werken geschaffen, die mit einem Minimum an Mitteln ein Maximum an Wirkung zu erzielen vermögen. Ihre Arbeiten sind stets unaufgeregt-intelligent und verfügen sowohl in der visuellen Sprache als auch in den Dialogen und in den vielen (kleinen und größeren) Dingen, die nicht gesagt, sondern zur Gänze auf mimisch-gestischem Wege zum Ausdruck gebracht werden müssen, über eine beachtliche Tiefe.

All dies ist Reichardt mit "Certain Women" erneut gelungen. Hierfür hat sie drei kurze Geschichten der Schriftstellerin Maile Meloy adaptiert. Das verbindende Element der Erzählungen ist Meloys Heimat Montana, in welcher sich die handelnden Figuren aufhalten. Es kommt zu unangenehmen Konfrontationen, bitteren Erkenntnissen und Enttäuschungen – allerdings ohne übertriebenes Drama, sondern in einer Kombination aus entwaffnender Authentizität und stiller Poesie, in ruhigem Tempo und voller Empathie und Präzision. Reichardt und ihr Kameramann Christopher Blauvelt finden wunderbar-treffende Bilder für die Darstellung von Gefühlen und Konflikten, von Faszination und Frustration. Zu den schönsten Momenten – nicht nur dieses Films, sondern der jüngeren Filmhistorie überhaupt – zählt eine Szene, in welcher die Rancherin Jamie der Lehrbeauftragten Beth im wahrsten Sinne des Wortes a ride gibt: Auf einem Pferd reiten die beiden gemächlich zu einem Restaurant. Während Hollywood diesen romantischen Einfall als Happy-End-Einstellung ausgebeutet hätte, geht Reichardt deutlich klüger und glaubwürdiger damit um.

Das Ensemble agiert – wie man es aus Reichardts Œuvre seit jeher kennt – mit bemerkenswerter Hingabe. So wird die schwierige berufliche und zwischenmenschliche Beziehung zwischen Anwältin und Mandant von Laura Dern und Jared Harris sehr vielseitig interpretiert. Auch Michelle Williams, die nach "Wendy and Lucy" (2008) und "Auf dem Weg nach Oregon" (2010) zum dritten Mal für Reichardt vor der Kamera steht, beweist abermals ihr Talent, indem sie die jahrelangen Eheprobleme zwischen ihrer Figur Gina und deren Gatten Ryan mit einem einzigen Blick zu vermitteln versteht. Eine große Entdeckung ist die junge Lily Gladstone, die in ihrer Rolle überaus berührend und zugleich erstaunlich zurückhaltend zeigt, wie Jamie durch die Begegnung mit der Berufsanfängerin Beth aus der Routine ihres Lebens gerissen wird und sich allmählich in Beth verliebt. In der Interaktion mit der gewohnt starken und nuancenreichen Kristen Stewart entsteht eine einnehmende emotionale Spannung.

Fazit: Ein ruhig und wahrhaftig erzählter Film, der poetische Aufnahmen sowie komplexe Figuren und exzellentes Schauspiel zu bieten hat.





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