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Hitlers Hollywood
Hitlers Hollywood
© farbfilm verleih

Kritik: Hitlers Hollywood (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der zweite Dokumentarfilm des Journalisten und Kritikers Rüdiger Suchsland macht dort weiter, wo sein erster endete. Beleuchtete Suchsland in "Von Caligari zu Hitler" (2015) das Kino der Weimarer Republik, ist er nun bei den Filmen des Dritten Reichs angekommen. Erneut versucht der Regisseur, in der begrenzten Zeit einer Kinovorführung so viel wie möglich unterzubringen. Die Schnittfrequenz ist hoch, der Bilderstrom ebenso unaufhörlich wie Suchslands gelungener Gedankenfluss aus dem Off. Auf die Stimmen lebender Experten verzichtet der Filmemacher dieses Mal ganz, lässt lediglich Zitate bereits verstorbener Theoretiker wie Siegfried Kracauer, Susan Sontag oder Hannah Arendt verlesen. Klug arbeitet Suchsland die Mechanismen und die Wirkung von Propaganda, aber auch scheinbar harmloser Unterhaltungsfilme heraus. Seine Gedanken fasst er ein ums andere Mal in wunderbar prägnante Worte.

Die Grundlage seiner Interpretation hat der Regisseur wie den Titel seines ersten Films von Kracauer übernommen. Auch Suchsland versteht das Kino als Seismograf einer Gesellschaft. Dementsprechend sieht er in vielen Filmen eine Heroisierung des Todes und eine gewisse Todessehnsucht und zeigt Tendenzen auf, die sich, der Entwicklung des NS-Regimes entsprechend, von Aufbruchsstimmung über Durchhalteparolen bis zur Politik der verbrannten Erde wandeln. Inwieweit diese von Suchsland festgestellten Tendenzen den Vorgaben des Reichspropagandaleiters Joseph Goebbels entsprachen, lässt "Hitlers Hollywood" offen. Denn Suchsland führt keine Belege an, analysiert lediglich dicht an den untersuchten Filmen. Hier läuft er freilich stets Gefahr, aufgrund seines Wissens um die deutsche Geschichte die Filme mit einer bereits vorgefassten Meinung zu betrachten und lediglich nach Ausschlägen des (kulturell) Unbewussten der NS-Gesellschaft Ausschau zu halten.

Die Ausgangsfrage dieses Filmessays ist dieselbe wie in Suchslands erstem Dokumentarfilm: "Was weiß das Kino, was wir nicht wissen?" Suchsland beantwortet sie ebenso wenig, wie er endgültige Urteile über alle Schauspieler und Regisseure fällt. Sein Film will das Publikum nicht mit erhobenem Zeigefinger belehren, sondern die Filme jener Epoche und auf diese Weise auch die Zuschauer befragen. Wie jeder freie Gedankenstrom geht das nicht immer ohne Widersprüche und den einen oder anderen Umweg ab. Wie viel vom Kino der NS-Zeit nach 1945 überlebt hat, ob das deutsche Kino die alten Träume gar heute noch träumt, sind zwei weitere Fragen, die "Hitlers Hollywood" aufwirft, aber unbeantwortet lässt. Die Zuschauer dürfen gespannt sein, ob der Regisseur mit weiteren Filmen darauf antwortet.

Fazit: "Hitlers Hollywood" ist ein ebenso kenntnisreicher wie kluger Dokumentarfilm, der mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt, das Publikum dadurch aber zur eigenen (kritischen) Auseinandersetzung mit dem (verdrängten) Kino einer Epoche anregt.




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