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Kritik: Toro (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Toro" stammt vom jungen deutschen Regisseur Martin Hawie, der im Film auch eigene Erfahrungen und Erlebnisse verarbeitete. Er ist selbst Migrant, ein Umstand, der ihn laut eigener Aussage sehr geprägt habe. "Toro" ist eine Produktion der Kölner Kunsthochschule für Medien und wurde zudem mit 20 000 Euro von der Filmstiftung NRW bezuschusst. Die Darsteller im Film sind keine Unbekannten. Hauptdarsteller Paul Wollin ist vor allem durch seine Auftritte in der Fernsehserie "SOKO" bekannt, Miguel Dagger debütierte bereits 2013 in dem Film "Camille". "Toro" wurde im vergangenen Jahr auf der Berlinale in der Sektion "Perspektive Deutsches Kino" gezeigt. Im Jahr davor feierte er in Montreal Weltpremiere.

Bedenkt man, dass es sich bei "Toro" um den Abschlussfilm eines bis vor kurzen noch an der Kunsthochschule für Medien eingeschriebenen Studenten handelt, weist der Film eine ganz beachtliche Qualität auf. Eine stringente Erzählweise zeichnet den Film aus, ergänzt um eine wendungsreiche Geschichte voller komplexer und vielschichtiger Figuren. Hinzu kommt ein großes Überraschungsmoment. Erschließt sich doch erst ab ca. der Hälfte, dass es in dem Milieu-Drama um den jungen polnischen, aggressiven Toro, eben nur oberflächlich und scheinbar in erster Linie darum geht, den Wunsch von der eigenen Boxschule wahr zu machen. Und sich dafür durch den zermürbenden Alltag aus Sex und Gewalt, zu kämpfen.

Denn Toro hadert mit seinen Gefühlen, mit seiner sexuellen Identität. Er ist schwul und will es sich nicht eingestehen. Immer wieder weist Regisseur Hawie in kurzen Dialogszenen oder flüchtigen Blicken des Protagonisten, darauf hin. Subtil und unterschwellig. Etwa dann, wenn sich Toro mit seinem schwarzen Boxschüler über das Verhältnis zu seinem Vater unterhält. Dieser (Toros Vater) habe ihn früher für eine "Schwuchtel" gehalten. Aber natürlich entgegnet Toro seinem Schüler gegenüber, dass dies nicht wahr sei.

Und auch die Aggressivität, mit der Toro beim Sex mit seinen Kundinnen vorgeht, macht im Nachhinein Sinn und passt ins Bild: er lässt seine Wut über die eigenen, (für ihn) unakzeptablen Neigungen an den Frauen aus. Nicht in Form von Gewalt, sondern durch rohen, harten Sex sowie "männliche", ausdauernde sexuelle Aktivität. Ein Umstand, der ihn bei seinen (meist deutlich älteren) Kundinnen auch so beliebt macht. Dies zeigt sich auch in einer ganz besonders nachdrücklichen Szene des Films, in der Toro mit Victors Schwester schläft. Apropos Victor: der hat seine ganz individuellen Sorgen und wird mittlerweile alle paar von der Tage von der Drogengang, der er noch Geld schuldet, brutal verprügelt.

Dessen Alltag aus Prostitution auf dem Schwulenstrich, dem Beschaffen und Konsumieren von Drogen sowie dem in einem Suizidversuch kulminierenden letztendlichen Scheitern, schildert der Film authentisch und glaubhaft – und ist damit eben doch auch ein wahrhaftiges (Drogen- und-Stricher-)Milieu-Drama geworden, wenn auch nicht in erster Linie. Überzeugend sind die Leistungen der beiden Hauptdarsteller. Mit viel Feingefühl und Leidenschaft, verkörpern sie ihre psychisch labilen, innerlich gebrochenen Figuren.

Fazit: Beachtlich reifes, nachdrückliches Filmdebüt in Schwarz-Weiß, das durch seine realistischen Milieu-Schilderungen und die fesselnden Darsteller-Leistungen überzeugt.





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