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Cloclo und ich
Cloclo und ich
© dejavu filmverleih

Kritik: Cloclo und ich (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die schönste Zeit seiner Kindheit verbrachte Stefano Knuchel an einem hässlichen Ort, gemessen an all den traumhaften Domizilen, an denen Knuchel auf der Flucht mit seiner Familie Station gemacht hat: in der Genfer Wohnsiedlung "Les Avanchets". Mehr als 5000 Menschen haben in den Betonbauten Platz, die aus der Luft betrachtet wie ein Schmetterling angeordnet sind. Und wie eine Raupe auf ihrem Weg zum Schmetterling durchlief hier auch der Protagonist eine Metamorphose. Dann verwandelte sich der kleine Stefano für seine kurzen Auftritte in eine Miniatur des französischen Sängers Claude François, den alle nur Coclo nannten, und entfloh der kriminellen Wirklichkeit seines Vaters in eine Traumwelt.

Vierzig Jahre später hat Stefano Knuchel auch seinen Dokumentarfilm wie eine Mischung aus Realität und Illusion aufgebaut. Parallel montierte Aufnahmen aus dem Archiv beschreiben dieselbe Bahn wie gegenwärtige, wabern wie Traumbilder immer wieder ins Hier und Jetzt herüber, unter das Knuchel nachgespielte Szenen mischt. Dann liegt der Regisseur als erwachsener Mann wie einst als 15-Jähriger wieder auf der Rückbank eines Fluchtwagens, schleicht sich als Fünfjähriger heimlich auf eine Party der Eltern oder wenige Jahre später in eine Stripshow mit einem Bären im elterlichen Nachtklub. Knuchels nachdenklicher, sehr persönlicher Kommentar dient als ordnendes Moment, befragt sich und seine Familiengeschichte aber auch beständig selbst.

Stefano Knuchels Perspektive ist eng, seine Herangehensweise zutiefst subjektiv. Schon die Auswahl seiner Gesprächspartner bleibt auf die Familie beschränkt, mit der er die ganz große Konfrontation vermeidet, nicht jede offene Frage klärt. Wie er sich seinem Publikum dabei ausliefert, seine Gedanken und Gefühle gnadenlos offenlegt und diese in eine künstlerisch anspruchsvolle dokumentarische Form gießt, ist absolut sehenswert und bis zum Ende fesselnd.

Fazit: "Coclo und ich" ist eine dokumentarische Familientherapie, die durch ihre Ehrlichkeit besticht und durch ihre spannende Geschichte und virtuose Form nie langweilt.




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