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Kritik: Der Ornithologe (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mit "Der Ornithologe" hat der in Lissabon geborene Filmemacher João Pedro Rodrigues ("O Fantasma") ein weiteres Glanzstück des portugiesischen Kinos geschaffen: Abermals folgt Rodrigues' Werk einer völlig entfesselten Traumlogik, auf die man sich als Zuschauer_in einlassen muss. Geschildert wird die Transfiguration eines jungen, queeren Atheisten: Der titelgebende Vogelkundler Fernando, der einen Solotrip unternimmt und von seinem Freund in Kurznachrichten wiederholt daran erinnert wird, dass er unbedingt seine Tabletten schlucken muss, verwandelt sich in den Heiligen Antonius von Padua (circa 1195-1231), welcher als Prediger Wunder vollbracht haben soll.

Faszinierend ist dabei nicht zuletzt die ausgefeilte Kameraarbeit von Rui Poças ("Tabu – Eine Geschichte von Liebe und Schuld"): Zum einen übernimmt die Filmkamera gelegentlich den (naheliegenden) Blick durch das Fernglas des Protagonisten; zum anderen wird das Geschehen aber auch – im wahrsten Sinne des Wortes – aus der Vogelperspektive gezeigt. In diesen schwebenden Einstellungen wird der Hauptdarsteller durch Rodrigues selbst ersetzt – wodurch sich die Verwandlung der Figur bereits ankündigt. Auch Schafe und Ziegen nehmen in "Der Ornithologe" eine beobachtende Position ein; die Klänge von Séverine Ballon, welche die Bilder untermalen, erzeugen ein konstantes Unbehagen. Im Laufe der Handlung warten Rodrigues und Poças mit zahlreichen ungewöhnlichen Ideen auf: Mal werden die fotografischen Aufzeichnungen präsentiert, die die Exkursion der chinesischen Pilgerinnen Fei und Ling dokumentieren, mal werden Tableaus kreiert, die einen tiefen Eindruck hinterlassen – etwa eine Wald-Aufnahme, in welcher der fast nackte Fernando an einen Baum gefesselt ist. Ebenso eindrücklich werden ein ominöses Ritual mit Gestalten in Karnevalskostümen sowie eine Begegnung mit unbekleideten Jägerinnen eingefangen.

Der französisch-US-amerikanische Mime Paul Hamy ("Die unerschütterliche Liebe der Suzanne") erweist sich mit seinem reduzierten Spiel als Idealbesetzung; Han Wen und Chan Suan sorgen indes als gläubige Christinnen Fei und Ling für absurden Humor, während Xelo Cagiao als unbedarfter, gehörloser Hirte Jesus etwas Tragisches in das experimentelle Werk bringt.

Fazit: Ein im besten Sinne irritierendes Werk! João Pedro Rodrigues liefert queeres Kino mit einer herausragenden Kameraführung, vielen Einfällen und einem gut gecasteten Schauspiel-Team.





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