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Kritik: Teheran Tabu (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Ein Weg, gegen Unterdrückung aufzubegehren, sei der Tabubruch, sagt Ali Soozandeh. In seinem Regiedebüt bricht er gleich mehrere. Während uns andere Filme aus dem Iran – zumindest diejenigen, die den offiziellen Weg durch die Behörden nehmen – stets nur ein unvollständiges Bild dieses Landes geben können, fügt ihm Soozandeh neue Farbtupfer hinzu. Das fängt mit scheinbaren Banalitäten an, etwa dass die Frauen in ihren Wohnungen die Kopftücher auch einmal abnehmen, und endet mit Teufelszeug wie Drogenkonsum, Sexualität und Selbstmord.

Ali Soozandeh entführt uns in ein scheinheiliges Land, in dem von der Musik bis zum Verhalten der Geschlechter in der Öffentlichkeit alles reglementiert ist, dessen Entscheidungsträger aber Wein anstelle des gepredigten Wassers saufen. Obwohl die Frauen oft gebildeter als ihre Männer sind, bedürfen sie für beinahe alles einer Erlaubnis. Vermeintliche Lapalien rühren an Existenzen. "Teheran Tabu" bewahrt sich dennoch seinen Humor, weil ihn die Figuren nicht verlieren.

Ein frivoler Telefonstreich gelangweilter Frauen wechselt mit Wasserbombenwürfen eines gelangweilten Kindes. Dass es dafür Kondome nutzt, die seine Mutter für die Arbeit braucht, darin liegt die ganze Tragik dieser feinen Komik und umgekehrt. Selbst ein strenger Tugendwächter reagiert bei Soozandeh gewitzt auf eine Provokation zweier Jugendlicher. Das macht seinen Charakter zwar nicht sympathischer, aber glaubwürdiger und unterstreicht das Bemühen des Regisseurs, kein schwarz-weißes, sondern ein realistisch-buntes Bild des Iran zu zeichnen.

Ali Soozandeh kann all das zeigen, weil "Teheran Tabu" nicht vor Ort entstanden ist. Seit 1995 lebt Soozandeh in Deutschland, wo er sein Geld als Animator, Musikvideo- und Kurzfilmregisseur verdient. Seinen ersten Langfilm hat er mit Schauspielern iranischer Herkunft realisiert, darunter auch der in Teheran geborene und in Gießen aufgewachsene Arash Marandi ("A Girl Walks Home Alone at Night", "Under the Shadow") und Zar Amir Ebrahimi, die ihre Heimat nach falschen Anschuldigungen in seinem Sexskandal verlassen hat.

Seine Erfahrung im Trickfilmbereich kamen Soozandeh entgegen. Da er sein Drama nicht im Iran realisieren konnte und Marroko oder Jordanien nicht als Ersatzkulisse wählen wollte, hat er sich für das Rotoskopie-Verfahren entschieden. An die Dreharbeiten, bei denen die Schauspieler vor Green Screens agierten, schloss sich ein 13-monatiger Animationsprozess an, währenddessen die Hintergründe erstellt und die Figuren übermalt wurden.

Herausgekommen ist ein gleichermaßen spannendes wie berührendes Sittengemälde einer Gesellschaft im Umbruch, das visuell den viel zu selten eingesetzten Zauber der überschaubaren Geschichte der Rotoskopie versprüht – von Walt Disney über Ralph Bakshi bis Richard Linklater. Inhaltlich und formal erinnert "Teheran Tabu" wiederum an Arthur Schnitzlers "Reigen". Dann verknüpft Soozandeh all seine Episoden über den Wechsel der Figuren an gemeinsam, aber von einander unabhängig aufgesuchten Orten und die Sexarbeiterin Pari, die von Berufs wegen alle und jeden kennt, den Hilfsbedürftigen episodenübergreifend ihre Hand reicht. Soozandehs animiertes Drama ist sich des Potenzials dieser Gesellschaft stets bewusst, führt uns aber auch vor Augen, wie schnell es mit diesem vorbei sein kann.

Fazit: "Teheran Tabu" ist ein wunderbar animiertes, spannendes und berührendes Sittengemälde einer Gesellschaft im Umbruch, das auch Dinge zeigt, die den Filmemachern im Iran nicht möglich sind.




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