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Kritik: Ein Leben (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Stéphane Brizé ("Der Wert des Lebens", Mademoiselle Chambon") geht mit "Ein Leben" neue Wege. Zum ersten Mal wagt sich der französische Regisseur und Drehbuchautor an einen Historienfilm und ans nur noch selten gesehene, beinahe quadratische 4:3-Format. Dem kommt in erster Linie die Rolle zu, die häusliche Enge und eheliche Einsamkeit, unter der Hauptfigur Jeanne (Judith Chemla) zeitlebens leidet, aufs Publikum zu übertragen.

Guy de Maupassants ab 1883 in Fortsetzung veröffentlichte Vorlage, die Erfahrungen aus seiner Kindheit und Jugend in das Schicksal seiner Protagonistin einfließen ließ, ist ein naturalistischer Roman. Brizé zollt dieser literarischen Strömung dadurch Tribut, dass er auf Musik und künstliches Licht größtenteils verzichtet. Im Flackern des Kerzenscheins hört das Publikum jedes Knistern und Knacken des Feuerholzes im Kamin. Olivier Baumonts sanfte, mit einem Vorgänger des heutigen Klaviers eingespielte Klänge kommen sparsam und dezent zum Einsatz.

Anders als Maupassants Roman bleibt der Film voll und ganz bei Jeanne. Wo andere Geschichten über jene Epoche vom ausschweifenden Leben der Männer, von den Schlachtfeldern, Spielsalons, Börsen und Bordellen erzählen, klingt diese Welt bei Brizé nur an den Rändern an. Dann blickt Jeanne ihrem Ehemann Julien (Swann Arlaud) nach, wenn er zur Jagd aufbricht, oder sie liest Jahre später in Briefen ihres Sohns Paul (Finnegan Oldfield) von dessen amourösen Verstrickungen, Fehlinvestitionen und Spielschulden. Judith Chemla spielt das, wie das gesamte Ensemble, mit feiner Zurückhaltung und macht Jeannes aufgewühltes Gefühlsleben doch jederzeit sichtbar.

Wie Brizé aus diesem einsamen, nur in wenigen Momenten glücklichen Leben erzählt, ist ganz erstaunlich. Denn er schreitet es nicht strikt chronologisch ab, sondern blendet früh voraus, immer wieder zurück und setzt selbst in Rückblenden Rückblenden. "Ein Leben" ist filmischer Gedanken- und Gefühlsstrom zugleich. Das Drama ist auch immer Innenleben einer Frau, die durch die Limitierungen ihrer Zeit, aber auch durch ihre eigenen ihre Talente nicht zur vollen Entfaltung bringt; letztlich auch deshalb, weil sie bis zum Schluss lieber warmherzig und positiv als kalt und rational auf die Welt blickt.

Fazit: Stéphane Brizés überaus gelungene Verfilmung von Guy de Maupassants Debütroman nimmt sich einige Freiheiten gegenüber der Vorlage und trifft doch deren Kern. "Ein Leben" ist ein filmischer Gedanken- und Gefühlsstrom. Zurückhaltend gespielt, überraschend erzählt, bewegend und intensiv.




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